RSV ist ein Atemwegsvirus, das bei gesunden Erwachsenen wie eine Erkältung verläuft und bei älteren oder chronisch kranken Menschen bis zur Lungenentzündung führen kann. Die STIKO empfiehlt eine einmalige Impfung für alle ab 75 Jahren und für 60- bis 74-Jährige mit schweren Grunderkrankungen. Sie senkt das Risiko schwerer Verläufe um rund 80 Prozent.
Was RSV bei Erwachsenen anrichtet
Das Respiratorische Synzytial-Virus, kurz RSV, gilt vielen als Kinderkrankheit. Das ist ein Missverständnis. Fast jeder Mensch macht die erste Infektion in den ersten Lebensjahren durch, danach steckt man sich im Laufe des Lebens immer wieder an. Der Schutz nach einer durchgemachten Infektion hält nur kurz und verhindert die nächste Ansteckung nicht zuverlässig.
Vom Schnupfen bis zur Lungenentzündung
Bei gesunden Erwachsenen bleibt eine RSV-Infektion meist in den oberen Atemwegen. Halskratzen, Schnupfen, Husten, manchmal etwas Fieber. Nach einigen Tagen ist das überstanden, der Husten kann länger bleiben. Wandert das Virus in die unteren Atemwege, sieht es anders aus. Dann entstehen Bronchitis, Bronchiolitis oder eine Lungenentzündung, mit Luftnot, Sauerstoffbedarf und mitunter einem Krankenhausaufenthalt.
Dazu kommt ein zweiter Weg, auf dem RSV gefährlich wird. Das Virus verschärft bestehende Erkrankungen. Bei COPD und Asthma löst es Verschlechterungsschübe aus, bei einer Herzschwäche kann es die Entgleisung anstoßen. Viele Betroffene kommen nicht wegen der Infektion selbst in die Klinik, sondern weil ihre Grunderkrankung darunter kippt.
Die Saison läuft bis ins Frühjahr
In Deutschland zirkuliert RSV saisonal, üblicherweise von Oktober bis März, mit einem Gipfel in den Wintermonaten. Anfang November steht die Welle also meist noch bevor oder beginnt gerade. Wer den empfohlenen Impftermin im Frühherbst verpasst hat, kommt jetzt nicht zu spät.
Wer gefährdet ist und wem die STIKO die Impfung empfiehlt
Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut unterscheidet zwei Wege zur RSV-Impfung. Der eine hängt allein am Alter, der andere an der gesundheitlichen Vorgeschichte.
| Gruppe | Warum das Risiko erhöht ist | Empfehlung der STIKO |
|---|---|---|
| Alle ab 75 Jahren | Immunabwehr und Lungenfunktion lassen mit dem Alter nach | Standardimpfung, einmalig |
| 60 bis 74 Jahre mit chronischer Erkrankung der Atmungsorgane | eine Infektion trifft ohnehin eingeschränkte Atemwege | Indikationsimpfung |
| 60 bis 74 Jahre mit chronischer Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankung | der Kreislauf verkraftet die Belastung schlechter | Indikationsimpfung |
| 60 bis 74 Jahre mit chronischer neurologischer oder neuromuskulärer Erkrankung | Husten- und Schluckstörungen begünstigen tiefe Atemwegsinfekte | Indikationsimpfung |
| 60 bis 74 Jahre mit hämato-onkologischer Erkrankung oder Immundefizienz | die Abwehr gegen Viren ist geschwächt | Indikationsimpfung |
| 60 bis 74 Jahre mit Diabetes mellitus mit Komplikationen | Infektionen verlaufen häufiger schwer | Indikationsimpfung |
| Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen ab 60 Jahren | enge Kontakte und häufige Mehrfacherkrankungen | Indikationsimpfung |
Unterhalb von 60 Jahren gibt es derzeit keine Empfehlung der STIKO, auch nicht bei Asthma oder bei Diabetes. Das heißt nicht, dass eine Impfung in jedem Einzelfall sinnlos wäre. Es heißt, dass die Datenlage für diese Altersgruppe eine allgemeine Empfehlung bisher nicht trägt. Wer jünger und stark immungeschwächt ist, bespricht das am besten mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.
Was die Impfung leistet
In Deutschland stehen drei RSV-Impfstoffe zur Verfügung, zwei proteinbasierte und einer auf mRNA-Basis. Die STIKO bewertet sie als gleichwertig und spricht keine Präferenz für ein bestimmtes Präparat aus. Welcher Impfstoff verwendet wird, hängt in der Praxis von der Verfügbarkeit ab.
Die Zahlen im Einzelnen
Für die proteinbasierten Impfstoffe gibt das RKI an, dass sich das Risiko einer RSV-bedingten Erkrankung der unteren Atemwege um etwa 75 Prozent verringert. Gegen schwere Verläufe, also Krankenhausaufenthalt oder Tod, liegt die Schutzwirkung bei Personen ab 60 Jahren bei etwa 80 Prozent. Bei Menschen über 75 Jahren und bei Immundefizienz fallen die Werte mit 79 beziehungsweise 73 Prozent etwas niedriger aus. Den mRNA-Impfstoff bewertet die STIKO mit 84 Prozent als vergleichbar wirksam.
Diese Prozentangaben sind relative Werte. Sie sagen, um wie viel das Risiko sinkt, nicht wie hoch es vorher war. Wie viele Erkrankungen eine Impfung tatsächlich verhindert, hängt davon ab, wie stark die Saison ausfällt und wie hoch das persönliche Ausgangsrisiko liegt. Für eine 80-jährige Person mit Herzschwäche fällt derselbe relative Schutz spürbar stärker ins Gewicht als für eine gesunde 62-jährige.
Einmal reicht nach heutigem Stand
Anders als die Grippeimpfung wird die RSV-Impfung nicht jährlich wiederholt. Nach aktuellem Datenstand ist sie eine einmalige Impfung. Ob später eine Auffrischung nötig wird, ist offen und hängt davon ab, wie lange der Schutz in den Langzeitdaten trägt. Welche Impfungen im Erwachsenenalter regelmäßig aufgefrischt werden müssen, steht in unserer Übersicht zu Auffrischimpfungen.
Zeitpunkt und Kombination mit anderen Impfungen
Der günstigste Zeitpunkt liegt im September oder Anfang Oktober, also vor dem Anstieg der Fallzahlen. Wurde die Impfung nicht vor Beginn der Saison verabreicht, soll sie laut RKI während der laufenden Saison zeitnah nachgeholt werden. Im November lohnt sich der Termin also weiterhin.
| Merkmal | RSV | Grippe | COVID-19 |
|---|---|---|---|
| Erreger | Respiratorisches Synzytial-Virus | Influenzaviren | SARS-CoV-2 |
| Wie oft | einmalig, nach heutigem Stand ohne Auffrischung | jährlich, weil die Virusstämme wechseln | Auffrischung nach STIKO-Empfehlung für Risikogruppen |
| Bester Zeitpunkt | September bis Anfang Oktober, Nachholen in der Saison möglich | Oktober bis Mitte Dezember | im Herbst, mit Abstand zur letzten Impfung oder Infektion |
| Empfohlen für | alle ab 75 Jahren, 60 bis 74 Jahre mit Risiko | ab 60 Jahren, chronisch Kranke, Schwangere, medizinisches Personal | ab 60 Jahren und Menschen mit erhöhtem Risiko |
Die proteinbasierten RSV-Impfstoffe dürfen zusammen mit der saisonalen Grippeimpfung und mit mRNA-Impfstoffen gegen COVID-19 gegeben werden, dann in verschiedene Gliedmaßen. Für einen der beiden ist zusätzlich die gleichzeitige Gabe mit der Pneumokokken- und der Gürtelrose-Impfung geprüft. Für den mRNA-RSV-Impfstoff liegen zur gleichzeitigen Grippeimpfung noch keine Daten vor. Und für einen der proteinbasierten Impfstoffe empfiehlt das RKI zu einer Tdap-Impfung gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten einen Abstand von mindestens zwei Wochen.
Ob mehrere Impfungen an einem Termin für Sie passen, hängt auch davon ab, wie gut Sie Impfreaktionen vertragen. Was für und gegen zwei Impfungen am selben Tag spricht, haben wir gesondert beschrieben. Wer zusätzlich über die Impfung gegen Gürtelrose nachdenkt, klärt die Reihenfolge am besten in derselben Sprechstunde.
Nebenwirkungen und seltene Signale
Die häufigsten Reaktionen sind harmlos und klingen nach ein bis drei Tagen ab. Dazu zählen Schmerzen an der Einstichstelle, Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit und gelegentlich leichtes Fieber. Sie zeigen, dass das Immunsystem auf den Impfstoff anspricht.
Daneben gibt es seltene Sicherheitssignale, die offen benannt gehören. Für die proteinbasierten Impfstoffe wird das Guillain-Barré-Syndrom beobachtet, eine Nervenentzündung mit Lähmungserscheinungen. Die Größenordnung liegt nach Angaben des RKI bei bis zu 25 Fällen pro einer Million verabreichter Impfungen. Ein Signal für eine Immunthrombozytopenie, also einen Abfall der Blutplättchen, wurde geprüft, ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung ließ sich dabei nicht bestätigen. Für den mRNA-Impfstoff ist eine periphere Fazialisparese als seltene Nebenwirkung beschrieben.
Diesen Zahlen steht das Risiko einer schweren RSV-Erkrankung gegenüber, das in den empfohlenen Gruppen deutlich höher liegt. Die Abwägung im Einzelfall gehört trotzdem in die Sprechstunde, besonders wenn früher schon einmal ein Guillain-Barré-Syndrom aufgetreten ist oder eine Gerinnungsstörung bekannt ist.
Häufige Fragen
Zahlt die Krankenkasse die RSV-Impfung?
Gesetzlich Versicherte haben nach § 20i SGB V Anspruch auf die Schutzimpfungen, die der Gemeinsame Bundesausschuss in seine Schutzimpfungs-Richtlinie aufgenommen hat. Ob und in welchem Umfang die RSV-Impfung für Sie darunterfällt, sagt Ihnen Ihre Krankenkasse oder die impfende Praxis verbindlich. Klären Sie das am besten vor dem Termin.
Ich bin 55 und habe Asthma. Soll ich mich impfen lassen?
Eine allgemeine Empfehlung der STIKO gibt es für diese Altersgruppe nicht. Sie beginnt bei 60 Jahren und setzt dort eine schwere Grunderkrankung voraus. Ob eine Impfung in Ihrem Fall trotzdem sinnvoll ist, entscheidet die behandelnde Praxis nach individueller Abwägung.
Ich hatte schon einmal RSV. Brauche ich die Impfung noch?
Ja. Eine durchgemachte Infektion hinterlässt nur einen kurzen und unvollständigen Schutz, deshalb sind wiederholte Ansteckungen im Erwachsenenalter die Regel. Die Empfehlung der STIKO gilt unabhängig davon, ob Sie schon einmal an RSV erkrankt waren.
Kann ich RSV- und Grippeimpfung am selben Tag bekommen?
Für die proteinbasierten RSV-Impfstoffe ist die gleichzeitige Gabe mit der Grippeimpfung möglich, dann in verschiedene Arme. Für den mRNA-RSV-Impfstoff fehlen dazu bislang Daten. Wer noch keinen Grippeschutz hat, findet in unserem Beitrag dazu, für wen und wann die Grippeimpfung sinnvoll ist, die Einzelheiten.
Ist die Impfung im November überhaupt noch sinnvoll?
Ja. Die RSV-Saison reicht üblicherweise bis ins Frühjahr, der Gipfel liegt meist in den Wintermonaten. Das RKI empfiehlt ausdrücklich, eine versäumte Impfung während der laufenden Saison zeitnah nachzuholen.
Quellen
- Robert Koch-Institut: Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Impfung gegen RSV bei Personen ab 60 Jahren. rki.de
- Ständige Impfkommission: Empfehlung zur Impfung gegen Erkrankungen durch Respiratorische Synzytial-Viren bei Personen im Alter ab 60 Jahren. Epidemiologisches Bulletin 32/2024, Robert Koch-Institut.
- Papi A et al.: Respiratory Syncytial Virus Prefusion F Protein Vaccine in Older Adults. New England Journal of Medicine 2023; 388: 595–608.
- Walsh EE et al.: Efficacy and Safety of a Bivalent RSV Prefusion F Vaccine in Older Adults. New England Journal of Medicine 2023; 388: 1465–1477.
- § 20i SGB V, Leistungen zur Verhütung von Krankheiten. gesetze-im-internet.de
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob eine RSV-Impfung für Sie geeignet ist und welcher Impfstoff infrage kommt, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt nach Prüfung Ihrer Vorerkrankungen und Ihrer bisherigen Impfungen. Bei Luftnot, anhaltend hohem Fieber, Verwirrtheit oder einer plötzlichen Verschlechterung einer bestehenden Lungen- oder Herzerkrankung suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe. Außerhalb der Sprechzeiten erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117. In Notfällen wählen Sie die 112.
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