Eine Hormontherapie kommt vor allem dann infrage, wenn Hitzewallungen und Schweißausbrüche die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Die Leitlinie sieht vor, sie in dieser Lage nach ärztlicher Aufklärung anzubieten. Günstig ist ein Beginn vor dem 60. Lebensjahr und innerhalb von zehn Jahren nach der letzten Regelblutung. Gegen Trockenheit der Scheide genügt oft eine örtliche Behandlung.
Für welche Beschwerden eine Hormontherapie gedacht ist
Wechseljahresbeschwerden sind häufig. Die Deutsche Menopause Gesellschaft geht davon aus, dass etwa acht von zehn Frauen Beschwerden bemerken und ein Drittel sie als stark empfindet. In der US-amerikanischen SWAN-Studie hielten die Hitzewallungen im Mittel 7,4 Jahre an. Das erklärt, warum die Frage nach einer Behandlung für viele Frauen nicht mit ein paar Monaten Abwarten beantwortet ist.
Die S3-Leitlinie zur Peri- und Postmenopause ordnet die Beschwerden nach Art. Für die sogenannten vasomotorischen Beschwerden, also Hitzewallungen und Schweißausbrüche, ist die Hormontherapie nach der Leitlinie die wirksamste Behandlung. Für Beschwerden im Genitalbereich reicht meist eine örtliche Anwendung aus, die den Körper insgesamt kaum erreicht.
| Beschwerde | Was die Leitlinie vorsieht |
|---|---|
| Hitzewallungen, Schweißausbrüche | systemische Hormontherapie nach Aufklärung über Nutzen und Risiken |
| Trockenheit der Scheide, Brennen, Schmerzen beim Sex | Gleitmittel und Befeuchtungsmittel und/oder niedrig dosierte Estrogene örtlich in der Scheide, meist Estriol |
| Schlafstörungen durch nächtliche Hitzewallungen | bessern sich in der Regel mit, wenn die Hitzewallungen zurückgehen |
| Wiederkehrende Harnwegsinfekte nach der Menopause | vaginale Estrogene, laut Harnwegsinfekt-Leitlinie vor einer antibiotischen Langzeitprävention anzubieten |
Wirkstoffe aus der Gruppe der SSRI und SNRI, Gabapentin oder eine kognitive Verhaltenstherapie sind laut Leitlinie bei vasomotorischen Beschwerden nicht die erste Wahl. Sie kommen in Betracht, wenn Hormone nicht angewendet werden können oder nicht gewünscht sind. Welche Beschwerden in den Wechseljahren typisch sind und wie sie sich einordnen lassen, steht ausführlich auf unserer Seite zu den Wechseljahren sowie in unserem Beitrag zu Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten.
Das Zeitfenster: Alter und Abstand zur letzten Blutung
Ob eine Hormontherapie mehr nutzt als schadet, hängt stark davon ab, wann sie beginnt. Die Leitlinie nennt als günstige Ausgangslage einen Beginn vor dem 60. Lebensjahr und innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause. In diesem Fenster ist das Verhältnis von Nutzen und Risiko bei ausgeprägten Beschwerden am ehesten zugunsten der Behandlung.
Später Beginn
Je größer der Abstand zur letzten Blutung, desto ungünstiger verschiebt sich diese Abwägung. Eine Frau, die mit 66 Jahren erstmals Hormone erwägt, steht vor einer anderen Rechnung als eine Frau von 52. Das heißt nicht, dass eine Behandlung dann ausgeschlossen wäre. Sie braucht aber eine sehr sorgfältige ärztliche Abwägung und einen klaren Anlass.
Vorzeitige Menopause
Anders liegt der Fall, wenn die Eierstöcke ihre Funktion deutlich vor der Zeit einstellen, etwa vor dem 40. Lebensjahr oder nach einer Operation. Hier geht es nicht um eine Zusatzbehandlung, sondern um den Ersatz von Hormonen, die in diesem Alter normalerweise vorhanden wären. Die Leitlinie sieht vor, mindestens bis zu dem Alter zu behandeln, in dem die Wechseljahre üblicherweise eintreten, entweder mit einer Hormonersatztherapie oder mit einem kombinierten Verhütungsmittel.
Wie lange behandeln?
Eine feste Höchstdauer gibt es nicht. Sinnvoll ist, mindestens einmal im Jahr ärztlich zu besprechen, ob die Behandlung noch gebraucht wird, ob die Dosis passt und ob sich Risikofaktoren geändert haben. Viele Frauen kommen mit der niedrigsten Dosis aus, die ihre Beschwerden erträglich macht.
Die Risiken in Zahlen statt in Worten
Über Hormone in den Wechseljahren wird oft entweder verharmlosend oder alarmierend gesprochen. Nützlicher sind absolute Zahlen, also die Frage, wie viele Frauen von einem Ereignis zusätzlich betroffen sind.
Brustkrebs
Eine große Auswertung der weltweit verfügbaren Daten, veröffentlicht 2019 im Lancet, hat das für den Beginn mit 50 Jahren durchgerechnet. Zugrunde liegt eine Anwendungsdauer von fünf Jahren, betrachtet wurden die Erkrankungen bis zum Alter von 69 Jahren.
| Form der Therapie | Zusätzliche Brustkrebsfälle nach 5 Jahren Anwendung ab 50 |
|---|---|
| Estrogen plus tägliches Gestagen | etwa 1 zusätzlicher Fall je 50 Anwenderinnen |
| Estrogen plus Gestagen in Zyklen | etwa 1 zusätzlicher Fall je 70 Anwenderinnen |
| Estrogen allein | etwa 1 zusätzlicher Fall je 200 Anwenderinnen |
| Anwendung über 10 statt 5 Jahre | etwa doppelt so viele zusätzliche Fälle |
Die deutsche Leitlinie beziffert das zusätzliche Risiko unter einer kombinierten Therapie mit rund 9 zusätzlichen Erkrankungen je 10.000 Frauenjahre. Für eine Therapie mit Estrogen allein, die nur nach Entfernung der Gebärmutter in Betracht kommt, wird das Risiko als neutral bis niedriger beschrieben. Dass die Leitlinie hier günstiger urteilt als die Lancet-Auswertung, liegt an der Datengrundlage, sie stützt sich auf randomisierte Studien, die Lancet-Auswertung überwiegend auf Beobachtungsdaten. Vaginale Estrogene in niedriger Dosierung sind von diesen Zahlen nicht gemeint.
Thrombosen
Beim Risiko für Blutgerinnsel in den Venen macht der Weg der Anwendung den Unterschied. Nach der Leitlinie verdoppelt eine Hormontherapie in Tablettenform das Risiko für venöse Thromboembolien, das entspricht etwa zwei zusätzlichen Fällen je 1.000 Frauen und Jahr. Für die niedrig dosierte Anwendung über die Haut, also Gel, Spray oder Pflaster, ist eine solche Erhöhung nicht belegt. Das ist einer der Gründe, warum bei Übergewicht, Rauchen oder früheren Gerinnungsereignissen in der Familie meist die Anwendung über die Haut bevorzugt wird. Die Unterschiede zwischen den Anwendungsformen haben wir im Vergleich von Gel und Tabletten gegenübergestellt.
Schlaganfall
Ähnlich sieht es bei Durchblutungsstörungen im Gehirn aus. Für die Einnahme als Tablette nennt die Leitlinie etwa einen zusätzlichen Fall je 1.000 Frauen und Jahr, für die Anwendung über die Haut ist eine Erhöhung nicht belegt. Bei jüngeren Frauen bleibt das absolute Risiko niedrig, weil in dieser Altersgruppe ohnehin selten Schlaganfälle auftreten.
Wann eine Hormontherapie nicht infrage kommt
Es gibt Situationen, in denen die Abwägung eindeutig ausfällt. Die Leitlinie rät nach einer Brustkrebserkrankung von einer Hormontherapie ab und nennt frühere Gefäßereignisse als Gegenanzeige, die Fachinformationen der Präparate führen weitere auf. Dazu zählen vor allem:
- eine überstandene oder bestehende Brustkrebserkrankung, hier ist eine systemische Hormontherapie nur in seltenen Ausnahmefällen vertretbar,
- andere Tumoren, die von Estrogen abhängen, etwa Gebärmutterkörperkrebs,
- durchgemachte Gefäßereignisse wie tiefe Beinvenenthrombose, Lungenembolie, Herzinfarkt oder Schlaganfall, ebenso ein akutes Gerinnsel,
- eine schwere Lebererkrankung,
- eine vaginale Blutung, deren Ursache nicht geklärt ist, sie gehört vor jeder Hormongabe abgeklärt.
Auch der Wunsch, mit Hormonen einer Herzerkrankung oder einer Demenz vorzubeugen, trägt eine Behandlung nicht. Dafür ist eine Hormontherapie nicht gedacht und nicht zugelassen. Wer unsicher ist, ob ein bestimmter Vorbefund gegen eine Behandlung spricht, klärt das im ärztlichen Gespräch und bringt dazu eine vollständige Liste der eingenommenen Medikamente mit.
Bei Beschwerden, die sich auf den Genitalbereich beschränken, ist die Frage ohnehin eine andere. Örtlich angewendete niedrig dosierte Estrogene gelangen kaum in den Blutkreislauf. Was gegen Trockenheit und Brennen sonst noch hilft, steht in unserem Beitrag zu Ursachen und Behandlung vaginaler Trockenheit. Warum die Schleimhaut nach der Menopause auch für die Blase eine Rolle spielt, beschreibt der Beitrag dazu, warum Blasenentzündungen immer wiederkommen.
Formen der Anwendung und der Schutz der Gebärmutterschleimhaut
Estrogene lassen sich schlucken oder über die Haut aufnehmen. Gel und Spray werden täglich auf Arm oder Oberschenkel aufgetragen, Pflaster meist zweimal pro Woche gewechselt, Tabletten täglich eingenommen. Alle diese Formen sind verschreibungspflichtig, und die passende Dosis wird ärztlich festgelegt und im Verlauf angepasst.
Warum ein Gestagen dazugehört
Estrogen allein regt die Gebärmutterschleimhaut zum Wachsen an. Bleibt dieser Reiz ungebremst, steigt das Risiko für eine Verdickung der Schleimhaut und für Gebärmutterkörperkrebs. Deshalb gilt: Wer noch eine Gebärmutter hat, braucht zusätzlich ein Gestagen. Die Leitlinie nennt dafür 10 Tage je Behandlungsmonat, besser 14 Tage. Kürzere Zeiträume erhöhen das Risiko für Gebärmutterkörperkrebs deutlich. Nach einer Entfernung der Gebärmutter entfällt dieser Teil, dann wird Estrogen allein gegeben.
Kombiniert oder getrennt
Manche Präparate enthalten beide Hormone in einer Tablette, entweder durchgehend oder in einem Rhythmus mit Blutung. Andere Frauen nutzen ein Estrogen über die Haut und nehmen das Gestagen getrennt dazu. Welche Kombination passt, hängt davon ab, ob noch Blutungen bestehen, wie das Risikoprofil aussieht und was im Alltag durchzuhalten ist.
Ein Punkt wird leicht übersehen: In der Zeit vor der Menopause kann eine Schwangerschaft noch möglich sein. Eine Hormontherapie ist keine Verhütung. Wer in dieser Phase eine Schwangerschaft ausschließen möchte, braucht dafür eine eigene Methode.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter ist eine Hormontherapie zu spät?
Eine feste Altersgrenze gibt es nicht, die Leitlinie beschreibt aber einen günstigen Rahmen: Beginn vor dem 60. Lebensjahr und innerhalb von zehn Jahren nach der letzten Blutung. Ein späterer Beginn ist nicht ausgeschlossen, verlangt aber eine besonders sorgfältige ärztliche Abwägung.
Wie stark steigt das Brustkrebsrisiko wirklich?
Nach der Lancet-Auswertung von 2019 kommt bei fünf Jahren Anwendung ab dem 50. Lebensjahr etwa ein zusätzlicher Fall auf 50 Anwenderinnen einer Kombination mit täglichem Gestagen. Bei Estrogen allein ist es etwa ein Fall auf 200 Anwenderinnen. Bei zehn Jahren Anwendung etwa doppelt so viele.
Sind Gel und Pflaster sicherer als Tabletten?
Für Thrombosen und Schlaganfälle ja. Die Leitlinie beschreibt für die Tablette eine Verdopplung des Thromboserisikos, während für die Anwendung über die Haut keine Erhöhung belegt ist. Für das Brustkrebsrisiko lässt sich daraus keine Entwarnung ableiten.
Hilft eine Hormontherapie auch gegen Scheidentrockenheit?
Häufig ja, für diese Beschwerde allein ist sie aber nicht nötig. Die Leitlinie sieht dafür Gleitmittel und Befeuchtungsmittel und niedrig dosierte Estrogene zur örtlichen Anwendung vor. Diese wirken vor Ort und gelangen kaum in den Blutkreislauf.
Kann ich eine Hormontherapie einfach absetzen?
Ein Absetzen ist jederzeit möglich, die Beschwerden können danach zurückkehren. Ob schrittweise oder auf einmal abgesetzt wird, besprechen Sie am besten ärztlich, ebenso den Zeitpunkt.
Quellen
- Ortmann O et al.: Peri- and Postmenopause, Diagnosis and Interventions. Kurzfassung der S3-Leitlinie, AWMF-Register 015-062, DGGG, OEGGG und SGGG. Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2020. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause, Diagnostik und Interventionen, AWMF-Register 015-062. register.awmf.org
- Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast Cancer: Type and timing of menopausal hormone therapy and breast cancer risk. Lancet 2019; 394: 1159–1168. thelancet.com
- S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen, AWMF-Register 043-044, Version 3.0, 2024. register.awmf.org
- Deutsche Menopause Gesellschaft: Menopause, Übersicht. menopause-gesellschaft.de
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob eine Hormontherapie für Sie geeignet ist, in welcher Form und in welcher Dosis, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt nach Prüfung Ihrer Vorerkrankungen, Ihrer Familiengeschichte und Ihrer Medikamente. Blutungen nach der Menopause, eine neu tastbare Verhärtung in der Brust oder ein einseitig geschwollenes, schmerzendes Bein gehören zeitnah ärztlich abgeklärt. Außerhalb der Sprechzeiten hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117 weiter. Bei plötzlicher Atemnot, Brustschmerz, Lähmungen oder Sprachstörungen wählen Sie sofort die 112.
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