Unter kombinierten Pillen erleiden je nach Gestagen fünf bis zwölf von 10.000 Frauen im Jahr eine venöse Thrombose. Ohne hormonelle Verhütung und ohne Schwangerschaft sind es etwa zwei. Der Unterschied zwischen den Präparaten liegt damit bei wenigen zusätzlichen Fällen pro 10.000 Frauen und Jahr. Das Risiko ist real, aber klein.
Was „Thrombose“ in diesem Zusammenhang heißt
Gemeint ist die venöse Thromboembolie, kurz VTE. Ein Blutgerinnsel verschließt eine Vene, meist im Unterschenkel oder Oberschenkel. Das nennt sich tiefe Beinvenenthrombose. Löst sich ein Teil des Gerinnsels und wandert in die Lunge, entsteht eine Lungenembolie. Diese ist der Grund, warum das Thema in jeder Packungsbeilage so ausführlich behandelt wird.
Kombinierte Pillen enthalten ein Östrogen, in den meisten Fällen Ethinylestradiol, und ein Gestagen. Das Östrogen verschiebt das Gleichgewicht der Gerinnungsfaktoren in der Leber leicht in Richtung Gerinnung. Das Gestagen wirkt diesem Effekt unterschiedlich stark entgegen. Daraus ergibt sich, warum nicht alle Pillen dasselbe Risiko tragen, obwohl das Östrogen oft identisch ist.
Wann das Risiko am höchsten ist
Die Fachinformationen und Gebrauchsinformationen kombinierter Präparate nennen dafür zwei Zeitfenster. Im ersten Jahr der erstmaligen Anwendung ist das Risiko am größten. Erhöht ist es außerdem, wenn die Anwendung nach einer Unterbrechung von vier oder mehr Wochen wieder aufgenommen wird. Danach sinkt es, bleibt aber leicht über dem Wert ohne hormonelle Verhütung. Nach dem Absetzen kehrt es innerhalb weniger Wochen auf das Ausgangsniveau zurück.
Das erklärt eine häufige Beobachtung: Wer die Pille jahrelang gut verträgt und dann pausiert, startet beim Wiedereinstieg nicht dort, wo sie aufgehört hat. Auch ein Wechsel des Präparats mit Pause zählt als Neubeginn. Wer über einen Wechsel nachdenkt, findet in unserem Beitrag zur Auswahl nach Zyklusproblem die Kriterien, die dabei sonst noch eine Rolle spielen.
Die Zahlen je Gestagen
Der Rote-Hand-Brief zu kombinierten hormonalen Kontrazeptiva vom 30. September 2021 fasst die Datenlage in einer Tabelle zusammen, die die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft 2023 unverändert übernommen hat. Sie nennt für jedes Gestagen das relative Risiko im Vergleich zu Levonorgestrel und die geschätzte Zahl der Fälle je 10.000 Frauen und Anwendungsjahr.
| Gestagen im Kombinationspräparat | Relatives Risiko gegenüber Levonorgestrel | Fälle je 10.000 Frauen und Anwendungsjahr |
|---|---|---|
| keine hormonelle Verhütung, nicht schwanger | Vergleichswert | 2 |
| Levonorgestrel | Referenz | 5 bis 7 |
| Norgestimat oder Norethisteron | 1,0 | 5 bis 7 |
| Levonorgestrel im Langzyklus | 1,4 | 5 bis 15 |
| Dienogest | 1,6 | 8 bis 11 |
| Gestoden, Desogestrel oder Drospirenon | 1,5 bis 2,0 | 9 bis 12 |
| Etonogestrel (Ring) oder Norelgestromin (Pflaster) | 1,0 bis 2,0 | 6 bis 12 |
| Chlormadinon, Nomegestrolacetat mit Estradiol | noch zu bestätigen | noch zu bestätigen |
Zwei Zeilen verdienen einen Kommentar. Für Chlormadinon und für die Kombination aus Nomegestrolacetat und Estradiol reichten die Daten 2021 nicht aus, um das Risiko einzuordnen. Dort steht bis heute „noch zu bestätigen“, was weder Entwarnung noch Warnung bedeutet, sondern schlicht eine Lücke. Und der weite Bereich beim Langzyklus mit Levonorgestrel kommt daher, dass er aus dem Vertrauensbereich der Schätzung abgeleitet wurde, nicht aus einer eigenen Auszählung.
Ring und Pflaster stehen in derselben Tabelle, weil auch sie Östrogen und Gestagen in den Kreislauf abgeben. Der Weg über die Haut oder die Scheide umgeht zwar die erste Leberpassage, senkt das Thromboserisiko nach heutiger Datenlage aber nicht unter das der Tabletten.
Dieselben Zahlen, zwei Eindrücke
„Doppeltes Risiko“ klingt bedrohlich. „Vier zusätzliche Fälle auf 10.000 Frauen“ klingt beherrschbar. Beides kann dieselbe Studie meinen. Deshalb lohnt es sich, die relative Angabe in eine absolute zu übersetzen.
| Gruppe | Fälle je 10.000 Frauen und Jahr | Zusätzliche Fälle gegenüber Nichtanwenderinnen | Entspricht etwa |
|---|---|---|---|
| keine hormonelle Verhütung | 2 | Ausgangswert | 1 Fall auf 5.000 Frauen im Jahr |
| Levonorgestrel | 5 bis 7 | 3 bis 5 | 1 zusätzlicher Fall auf 2.000 bis 3.300 Frauen |
| Dienogest | 8 bis 11 | 6 bis 9 | 1 zusätzlicher Fall auf 1.100 bis 1.700 Frauen |
| Gestoden, Desogestrel oder Drospirenon | 9 bis 12 | 7 bis 10 | 1 zusätzlicher Fall auf 1.000 bis 1.400 Frauen |
Der Sprung von Levonorgestrel auf Drospirenon verdoppelt das relative Risiko nahezu. In absoluten Zahlen bedeutet er etwa vier bis fünf zusätzliche Fälle auf 10.000 Frauen und Jahr. Für die einzelne Anwenderin ist das wenig. Auf die große Zahl der Anwenderinnen gerechnet ist es genug, damit die Behörden mit einem Rote-Hand-Brief auf die Unterschiede hingewiesen haben.
Wichtig ist die Bezugsgröße. Alle Angaben gelten pro Anwendungsjahr, nicht für ein ganzes Leben und nicht für eine einzelne Packung. Und sie gelten für Frauen ohne zusätzliche Risikofaktoren. Kommen solche hinzu, verschiebt sich die Rechnung.
Wer ein höheres Ausgangsrisiko mitbringt
Das Gestagen ist nur einer von mehreren Faktoren. Die Gebrauchsinformationen kombinierter Präparate führen mehrere Umstände auf, die das Risiko für ein Gerinnsel in einer Vene erhöhen:
- starkes Übergewicht mit einem Body-Mass-Index über 30 kg/m²
- eine Thrombose vor dem 50. Lebensjahr bei einem nahen Angehörigen, was auf eine erbliche Gerinnungsstörung hindeuten kann
- bevorstehende Operationen, längere Bettlägerigkeit oder ein eingegipstes Bein
- zunehmendes Alter, insbesondere ab etwa 35 Jahren
- eine Entbindung vor wenigen Wochen
Davon zu trennen sind die Gegenanzeigen. Kombinierte Präparate dürfen überhaupt nicht angewendet werden, wenn Sie schon einmal eine Thrombose oder eine Lungenembolie hatten, wenn eine Gerinnungsstörung bekannt ist, etwa Faktor-V-Leiden oder ein Mangel an Protein C, Protein S oder Antithrombin III, oder wenn ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder eine vorübergehende Durchblutungsstörung im Gehirn vorausgegangen ist. Auch eine bevorstehende Operation oder längere Bettlägerigkeit führen die Gebrauchsinformationen unter den Gegenanzeigen, nicht bloß unter den Risikofaktoren.
Mehrere Faktoren addieren sich. Eine 38-jährige Frau mit einem BMI über 30 steht in einer anderen Situation als eine 19-Jährige ohne Vorgeschichte, auch wenn beide dasselbe Präparat nehmen. Flugreisen über vier Stunden erhöhen das Risiko vorübergehend, besonders wenn weitere Faktoren vorliegen. Was dabei hilft, haben wir in unserem Beitrag zur Vorbeugung auf Langstreckenflügen zusammengetragen.
Rauchen betrifft vor allem die Arterien
Für Gerinnsel in den Arterien, also Herzinfarkt und Schlaganfall, gilt eine eigene Liste. Dort stehen Rauchen, Bluthochdruck, hohe Blutfette, Diabetes und Migräne mit Aura. Wer ein kombiniertes Präparat anwendet, soll mit dem Rauchen aufhören. Gelingt das nicht und ist die Anwenderin älter als 35 Jahre, rät die Gebrauchsinformation zu einer anderen Verhütungsmethode. Migräne mit Aura steht in den Gebrauchsinformationen nicht bei den Risikofaktoren, sondern bei den Gegenanzeigen. Wer sie hat oder früher hatte, darf kombinierte Präparate nicht anwenden, weil sie das Schlaganfallrisiko erhöhen.
Was das für die Wahl bedeutet
Aus der Tabelle folgt keine Verbotsliste, sondern eine Reihenfolge. Für Frauen, die zum ersten Mal hormonell verhüten, sprechen die Zahlen für ein Präparat mit Levonorgestrel, Norgestimat oder Norethisteron, weil dort das Risiko am niedrigsten liegt und die Datenlage am besten ist.
Ein Wechsel auf ein Gestagen der neueren Generationen bleibt möglich, sollte aber einen Grund haben, etwa eine ausgeprägte Akne oder Beschwerden, die unter dem bisherigen Präparat nicht besser wurden. Ein Wechsel ohne Grund verschlechtert die Rechnung zweimal, weil das neue Gestagen ein höheres Risiko tragen kann und der Neubeginn nach einer Pause ohnehin das gefährlichste Fenster ist.
Wer das Östrogen ganz vermeiden möchte oder muss, hat zwei Wege. Reine Gestagenpräparate mit Desogestrel oder Drospirenon enthalten kein Östrogen und gelten hinsichtlich venöser Thrombosen als deutlich weniger belastend. Wie sie sich sonst von der kombinierten Pille unterscheiden, steht in unserem Vergleich Kombipille oder Minipille. Der zweite Weg führt zu den hormonfreien Methoden, von der Kupferspirale bis zu Barrieremethoden.
Welche Methode zu einer Frau passt, entscheidet nie eine Tabelle allein. Alter, Vorerkrankungen, Familiengeschichte, Rauchverhalten und der Wunsch nach Zyklusregulierung gehen in dieselbe Abwägung ein. Eine Übersicht über die Methoden und ihre Sicherheit finden Sie auf unserer Seite zur Verhütung.
Woran Sie ein Gerinnsel erkennen
Ein einseitig geschwollenes, warmes oder schmerzendes Bein, plötzliche Atemnot, stechender Brustschmerz beim Einatmen, Husten mit Blut oder ein plötzlicher Schwächeanfall gehören sofort ärztlich abgeklärt. Diese Zeichen sind selten, aber sie warten nicht bis zum nächsten Sprechstundentermin.
Häufige Fragen
Ist die Pille der dritten oder vierten Generation gefährlich?
Gefährlich ist das falsche Wort. Präparate mit Gestoden, Desogestrel oder Drospirenon tragen ein etwa eineinhalb- bis zweifach höheres Thromboserisiko als solche mit Levonorgestrel. In absoluten Zahlen bedeutet das rund vier bis fünf zusätzliche Fälle auf 10.000 Frauen und Jahr. Sie bleiben zugelassen und sinnvoll, wenn ein Grund für ihre Wahl vorliegt.
Wie lange dauert es, bis das Risiko nach dem Absetzen wieder normal ist?
Die Gebrauchsinformationen kombinierter Präparate geben dafür wenige Wochen an. Danach entspricht das Risiko wieder dem von Frauen, die nicht hormonell verhüten. Wer die Anwendung später wieder aufnimmt, beginnt allerdings erneut im Zeitfenster mit dem höchsten Risiko.
Erhöht die Minipille das Thromboserisiko auch?
Reine Gestagenpräparate enthalten kein Östrogen, das für den Gerinnungseffekt der kombinierten Pille hauptverantwortlich ist. Sie gelten deshalb als deutlich weniger belastend und kommen infrage, wenn Östrogene nicht angewendet werden sollen. Die Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Sollte ich mich vor der ersten Pille auf Thrombophilie testen lassen?
Ein Reihentest bei allen Frauen gehört nicht zur üblichen Vorbereitung, und ein unauffälliges Ergebnis würde eine Thrombose ohnehin nicht ausschließen. Anders sieht es aus, wenn in der Familie vor dem 50. Lebensjahr Thrombosen oder Lungenembolien aufgetreten sind. Die Gebrauchsinformation nennt genau das als möglichen Hinweis auf eine erbliche Gerinnungsstörung. Sprechen Sie den Punkt im Beratungsgespräch von sich aus an.
Quellen
- Rote-Hand-Brief zu kombinierten hormonalen Kontrazeptiva vom 30.09.2021, Tabelle 1: VTE-Risiko kombinierter hormonaler Kontrazeptiva. akdae.de
- Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Venöse thromboembolische Ereignisse unter kombinierten hormonalen Kontrazeptiva. Arzneiverordnung in der Praxis 2023, Heft 2, S. 110 ff. akdae.de
- BfArM: Themendossier Kombinierte hormonale Kontrazeptiva. bfarm.de
- Gebrauchsinformation Microgynon®, Bayer Vital, Stand Oktober 2025, Abschnitt 2 „Blutgerinnsel“ und „Wann Microgynon nicht angewendet werden darf“.
- Schink T et al.: Risiko venöser Thromboembolien bei Einnahme von kombinierten hormonalen Kontrazeptiva. Bulletin zur Arzneimittelsicherheit 2021, Heft 2, S. 13–16.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob ein hormonelles Verhütungsmittel für Sie geeignet ist und welches, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt nach Prüfung Ihrer Vorerkrankungen, Ihrer Familiengeschichte und Ihrer übrigen Medikamente. Bei einseitiger Beinschwellung, plötzlicher Atemnot, Brustschmerz oder Bluthusten wählen Sie sofort die 112. Für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Fragen außerhalb der Sprechzeiten erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.
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