Für die meisten Menschen ist der Einnahmezeitpunkt zweitrangig. Zwei große randomisierte Studien fanden keinen Unterschied bei Herzinfarkt, Schlaganfall und Sterblichkeit, gleich ob morgens oder abends eingenommen wurde. Entscheidend ist, dass die Tablette jeden Tag zur selben Zeit genommen wird. Ob im Einzelfall etwas anderes sinnvoll ist, entscheidet die ärztliche Praxis anhand der 24-Stunden-Messung.
Woher die Idee kommt, abends sei besser
Der Blutdruck folgt einem Tagesrhythmus. In den frühen Morgenstunden steigt er deutlich an, über den Tag bleibt er auf höherem Niveau, in der Nacht fällt er bei den meisten Menschen um etwa 10 bis 20 Prozent ab. Dieses nächtliche Absinken gilt als normal und günstig. Menschen, bei denen es ausbleibt, werden in der Fachsprache als Non-Dipper bezeichnet.
Warum der Nachtwert überhaupt interessiert
Ein hoher nächtlicher Blutdruck geht in Beobachtungsstudien mit mehr Herz- und Gefäßereignissen einher als ein hoher Tageswert. Daraus entstand eine naheliegende Überlegung: Wird ein Blutdruckmittel abends genommen, entfaltet es seine stärkste Wirkung genau in der Zeit, in der der Druck nicht ausreichend absinkt. Diese Idee trägt den Namen Chronotherapie, also Therapie im Takt der inneren Uhr.
Die Studie, die den Streit ausgelöst hat
2020 veröffentlichte eine spanische Arbeitsgruppe die sogenannte Hygia-Studie. Sie berichtete, die abendliche Einnahme senke das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse um rund 45 Prozent. Ein Effekt dieser Größenordnung wäre größer als der vieler seit Jahrzehnten etablierter Behandlungen. Genau das machte Fachleute misstrauisch. Aufbau, Verteilung der Teilnehmer und Auswertung der Studie wurden vielfach kritisiert, und das Ergebnis ließ sich in keiner weiteren Untersuchung wiederholen. Wer heute liest, abends sei besser, liest fast immer einen Nachhall dieser einen Arbeit.
Der nächtliche Verlauf lässt sich mit einer einzelnen Messung am Oberarm ohnehin nicht beurteilen. Dafür braucht es eine 24-Stunden-Messung, bei der ein Gerät über einen ganzen Tag und eine Nacht in festen Abständen misst. Wie Sie zu Hause zu verlässlichen Werten kommen, steht in unserem Beitrag zum richtigen Blutdruckmessen und den Grenzwerten.
Was die großen Studien zeigen
Nach der Hygia-Studie wurden zwei große randomisierte Untersuchungen aufgelegt, die genau diese Frage klären sollten. In beiden wurden die Teilnehmenden per Zufall einer Morgen- oder einer Abendgruppe zugeteilt und dann über Jahre beobachtet. Das ist der einzige Aufbau, der einen Zeitpunkt sauber gegen den anderen prüfen kann.
| Studie | Teilnehmer | Beobachtung im Mittel | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| TIME, Großbritannien, 2022 | 21.104 | 5,2 Jahre | kein Unterschied bei Herzinfarkt, Schlaganfall und Gefäßtod |
| BedMed, Kanada, 2025 | 3.357 aus 436 Hausarztpraxen | 4,6 Jahre | 2,3 gegenüber 2,4 Ereignisse je 100 Patientenjahre, kein Unterschied |
Die kanadische BedMed-Studie hat zusätzlich nach Schäden gesucht, die einer abendlichen Einnahme oft unterstellt werden. Sie fand keine Häufung von Stürzen, keine Zunahme von Augeninnendruckerkrankungen wie dem Grünen Star und keine Verschlechterung der geistigen Leistungsfähigkeit. Auch das ist ein Ergebnis: Die abendliche Einnahme ist weder besser noch gefährlicher.
Ein Unterschied blieb doch
Er betraf nicht den Körper, sondern den Alltag. Nach sechs Monaten nahmen in BedMed noch 83,5 Prozent der Abendgruppe ihre Tabletten wie vorgesehen, in der Morgengruppe waren es 94,2 Prozent. Der Morgen ist für viele Menschen der verlässlichere Anker im Tagesablauf. Abends kommen Termine, Müdigkeit und wechselnde Zeiten dazwischen. Wenn ein Zeitpunkt einen messbaren Vorteil hat, dann diesen.
Für die Praxis heißt das: Eine bestehende Einnahme ohne Grund umzustellen, bringt nichts. Wer morgens gut zurechtkommt, bleibt dabei. Wer abends besser daran denkt, kann das mit der behandelnden Praxis besprechen. Welche Wirkstoffgruppen es überhaupt gibt und wie sie sich unterscheiden, haben wir in der Übersicht zu ACE-Hemmern, Sartanen und Betablockern beschrieben.
Wann der Zeitpunkt doch eine Rolle spielt
Die Studien beantworten die allgemeine Frage. Sie ersetzen nicht die Prüfung des Einzelfalls. Bei einigen Wirkstoffgruppen gibt es praktische Gründe für eine bestimmte Tageszeit, und sie haben mit dem Herz-Kreislauf-Risiko wenig zu tun.
| Wirkstoffgruppe | Übliche Einnahme | Grund |
|---|---|---|
| Entwässernde Mittel (Diuretika) | morgens, eine zweite Gabe am frühen Nachmittag | die verstärkte Harnausscheidung würde nachts den Schlaf stören |
| Alphablocker | erste Dosis zur Nacht | zu Beginn kann der Blutdruck beim Aufstehen stark abfallen |
| ACE-Hemmer, Sartane, Kalziumantagonisten | wie verordnet, morgens oder abends | die üblichen Präparate wirken über 24 Stunden |
| Betablocker | wie verordnet, meist morgens | bei manchen Menschen stört die Einnahme am Abend den Schlaf |
| Feste Kombinationen mehrerer Wirkstoffe | wie verordnet, nicht eigenmächtig aufteilen | die Tablette lässt sich nicht in ihre Bestandteile zerlegen |
Non-Dipper und nächtliche Hochdruckwerte
Bleibt in der 24-Stunden-Messung das nächtliche Absinken aus, kann eine abendliche Gabe im Einzelfall erwogen werden. Das ist eine ärztliche Entscheidung auf Grundlage einer Messung, keine Regel für alle. Ohne 24-Stunden-Messung weiß niemand, ob überhaupt ein Nachtproblem vorliegt. Wer mehrere Wirkstoffe einnimmt, sollte auch wissen, warum die Verordnung so aussieht, wie sie aussieht. Die Unterschiede zwischen einer festen Kombination und getrennten Tabletten haben wir im Vergleich von Kombinationspräparat und Einzelwirkstoff zusammengestellt.
Eine Umstellung auf eigene Faust ist in jedem Fall der falsche Weg. Wer eine Dosis vom Morgen auf den Abend zieht, hat an einem Tag entweder eine Lücke oder eine doppelte Wirkung. Bei Mitteln, die den Blutdruck deutlich senken, kann das Schwindel und Stürze nach sich ziehen.
Was wirklich zählt: jeden Tag zur selben Zeit
Bluthochdruck tut nicht weh. Genau darin liegt die Schwierigkeit der Behandlung: Es gibt kein Symptom, das an die Tablette erinnert, und kein spürbares Zeichen, wenn sie fehlt. Der Nutzen zeigt sich erst über Jahre, in Form von Ereignissen, die ausbleiben. Regelmäßigkeit ist deshalb der Teil der Therapie, den Sie selbst in der Hand haben.
Was im Alltag hilft:
- Die Einnahme an eine feste Handlung koppeln, etwa an das Zähneputzen oder den ersten Gang in die Küche.
- Eine Wochenbox mit sieben Fächern nutzen. Sie zeigt auf einen Blick, ob die Dosis von heute noch drin liegt.
- Einen Wecker im Telefon stellen, der jeden Tag zur selben Minute klingelt.
- Den Vorrat prüfen, sobald die letzte Packung angebrochen ist, damit keine Lücke entsteht.
- Werte und Einnahmezeit in einem kleinen Heft notieren und zum nächsten Termin mitbringen.
Der häufigste Grund für eine Lücke ist banal: Die Packung ist leer und der nächste Praxistermin liegt in zwei Wochen. Wenn Ihre Dauermedikation stabil eingestellt ist und Sie nur Nachschub brauchen, lässt sich ein Folgerezept auch telemedizinisch ausstellen. Die ärztliche Prüfung Ihrer Angaben kostet bei uns 2,98 Euro, dazu kommt der Versand aus der Apotheke Ihrer Wahl. Eine neu eingestellte oder schwankende Therapie gehört dagegen in die Sprechstunde, weil dazu Messwerte, Untersuchung und meist auch Laborwerte gehören.
Ebenso wichtig bleibt, was neben den Tabletten geschieht. Weniger Salz, regelmäßige Bewegung, Alkohol in Maßen und ein Blick auf das Gewicht senken den Blutdruck messbar und wirken unabhängig von der Uhrzeit. Was dazugehört und ab welchen Werten behandelt wird, lesen Sie auf unserer Seite zu Bluthochdruck.
Häufige Fragen
Darf ich meine Blutdrucktabletten selbst auf den Abend verlegen?
Besprechen Sie das vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Am Tag der Umstellung entsteht sonst entweder eine Lücke oder eine doppelte Wirkung. Bei entwässernden Mitteln und beim Beginn mancher Wirkstoffe gibt es zudem gute Gründe für eine bestimmte Tageszeit.
Was mache ich, wenn ich eine Dosis vergessen habe?
Fällt es Ihnen am selben Tag auf, nehmen Sie die Tablette nach. Liegt der nächste reguläre Zeitpunkt schon nahe, lassen Sie die vergessene Dosis aus und machen normal weiter. Nehmen Sie nie die doppelte Menge, um etwas nachzuholen.
Muss ich Blutdruckmittel zu einer Mahlzeit einnehmen?
Die meisten Blutdruckmittel können unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. Für einzelne Wirkstoffe gibt es abweichende Vorgaben. Maßgeblich ist die Packungsbeilage Ihres Präparats und die Anweisung aus der Praxis.
Ich nehme zwei Mittel. Soll ich sie auf Morgen und Abend verteilen?
Eine Verteilung ist möglich, sie ist aber kein Selbstzweck. In den großen Studien wurde die gesamte Tagesdosis morgens oder abends gegeben, ohne Unterschied im Ergebnis. Ob eine Aufteilung im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von den Wirkstoffen und der 24-Stunden-Messung ab.
Quellen
- Mackenzie IS et al.: Cardiovascular outcomes in adults with hypertension with evening versus morning dosing of usual antihypertensives in the UK (TIME study). The Lancet 2022, Band 400.
- Garrison SR et al.: Bedtime versus morning antihypertensive medication timing (BedMed). JAMA 2025.
- Hermida RC et al.: Bedtime hypertension treatment improves cardiovascular risk reduction (Hygia Chronotherapy Trial). European Heart Journal 2020; 41: 4565–4576.
- McEvoy JW et al.: 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension. European Heart Journal 2024; 45: 3912–4018.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ändern Sie Dosis oder Einnahmezeitpunkt Ihrer Blutdruckmittel nicht ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Bei Brustschmerz, plötzlicher Luftnot, Sehstörungen, Lähmungen oder Sprachstörungen wählen Sie sofort die 112. Für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Fragen außerhalb der Sprechzeiten erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.
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