Eine Erektionsstörung ist häufig ein frühes Zeichen dafür, dass die Blutgefäße Schaden nehmen. Die Arterien im Penis sind deutlich enger als die Herzkranzgefäße, deshalb machen sich Ablagerungen dort früher bemerkbar. In Studien traten Herzbeschwerden im Mittel Jahre nach den ersten Erektionsproblemen auf. Wer betroffen ist, sollte Blutdruck, Blutfette und Blutzucker prüfen lassen.
Warum die Gefäße im Penis früher auffallen
Eine Erektion ist ein Kreislaufvorgang. Damit sich die Schwellkörper füllen, müssen sich die zuführenden Arterien weiten. Den Befehl dazu gibt die innere Gefäßwand, das Endothel, über den Botenstoff Stickstoffmonoxid. Dieses Endothel ist auch die Schicht, die bei Bluthochdruck, hohem Cholesterin, Diabetes und Rauchen als Erstes leidet. Eine Erektionsstörung mit körperlicher Ursache ist deshalb selten ein rein örtliches Problem, sondern meist der sichtbare Teil einer Erkrankung, die alle Arterien betrifft.
Der Größenunterschied macht den Zeitvorsprung
Dazu kommt ein einfacher mechanischer Gedanke, in der Fachliteratur als Arteriengrößen-Hypothese bekannt. Arteriosklerotische Ablagerungen entstehen im ganzen Körper etwa gleichmäßig. Wie stark sie den Blutfluss stören, hängt aber davon ab, wie weit das betroffene Gefäß ist. Die Penisarterien haben eine Größenordnung von ein bis zwei Millimetern, die Herzkranzgefäße von drei bis vier Millimetern, die Halsschlagader ist noch weiter. Eine Ablagerung derselben Dicke engt das kleinste Gefäß am stärksten ein. Deshalb bemerkt ein Mann die Folgen zuerst dort, wo eine gute Durchblutung sofort auffällt.
| Gefäß | Größenordnung des Durchmessers | Was sich zuerst zeigt |
|---|---|---|
| Penisarterien | 1 bis 2 mm | nachlassende oder unvollständige Erektion |
| Herzkranzgefäße | 3 bis 4 mm | Enge oder Druck in der Brust bei Belastung |
| Halsschlagader | 5 bis 7 mm | lange keine Beschwerden |
Diese Durchmesser sind Näherungswerte aus der Fachliteratur und schwanken von Mensch zu Mensch. Der Punkt ist nicht die exakte Zahl, sondern das Verhältnis: Das Gefäß, das für die Erektion zuständig ist, hat die geringste Reserve. Mehr zu den Ursachen und Formen steht auf unserer Seite zur Erektionsstörung.
Was die Studien zeigen
Der Zusammenhang ist gut untersucht. Eine Auswertung von 14 Studien mit 92.757 Männern und einer mittleren Beobachtungszeit von 6,1 Jahren fand bei Männern mit Erektionsstörung ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse. Das relative Risiko lag bei 1,44 für kardiovaskuläre Ereignisse insgesamt, bei 1,62 für den Herzinfarkt, bei 1,39 für den Schlaganfall und bei 1,25 für die Sterblichkeit aus allen Ursachen. Alle vier Werte waren statistisch abgesichert.
Relative Zahlen allein sagen wenig darüber, wie viele Männer es tatsächlich trifft. Dafür sind absolute Häufigkeiten aussagekräftiger. Eine Untersuchung aus der Mayo Clinic hat die Neuerkrankungen an koronarer Herzkrankheit je 1.000 Personenjahre nach Alter aufgeschlüsselt, getrennt nach Männern mit und ohne Erektionsstörung.
| Alter | mit Erektionsstörung | ohne Erektionsstörung |
|---|---|---|
| 40 bis 49 Jahre | 48,5 je 1.000 Personenjahre | 0,9 |
| 50 bis 59 Jahre | 27,2 | 5,1 |
| 60 bis 69 Jahre | 24,0 | 10,7 |
| ab 70 Jahre | 29,6 | 23,3 |
Auffällig ist das Muster: Je jünger der Mann, desto größer der Unterschied. Bei den 40- bis 49-Jährigen ist die Erektionsstörung ein sehr starkes Signal, im hohen Alter verliert sie an Trennschärfe, weil dann ohnehin viele Männer Gefäßveränderungen haben. Eine Erektionsstörung mit 45 Jahren verdient also mehr Aufmerksamkeit als eine mit 75. Die Zahlen stammen aus einer Bevölkerungsstichprobe und beschreiben Gruppen, nicht den einzelnen Mann.
Wie viel Vorlauf bleibt
Eine italienische Arbeit hat 300 Männer befragt, die wegen akuter Brustschmerzen untersucht wurden und bei denen eine koronare Herzkrankheit durch eine Herzkatheteruntersuchung gesichert war. 147 von ihnen berichteten über eine Erektionsstörung. Bei 67 Prozent dieser Männer waren die Erektionsprobleme vor den Herzbeschwerden aufgetreten, im Mittel 38,8 Monate vorher, also gut drei Jahre. Die Spanne war groß und reichte von einem Monat bis zu 14 Jahren. Dieses Zeitfenster ist der eigentliche Wert der Beobachtung, weil sich in drei Jahren Blutdruck, Blutfette und Blutzucker gut beeinflussen lassen. Welche Stellschrauben es gibt, haben wir in unserem Beitrag zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammengestellt.
Organisch oder psychisch: worauf die Hinweise deuten
Nicht jede Erektionsstörung hat eine Gefäßursache. Anspannung, Erschöpfung, Beziehungskonflikte, Depression und einzelne Medikamente können ebenfalls dahinterstehen. Eine sichere Trennung leistet nur die ärztliche Untersuchung, einige Beobachtungen weisen aber in die eine oder andere Richtung.
- Ein allmählicher Beginn über Monate bis Jahre spricht eher für eine körperliche Ursache, ein plötzlicher Beginn nach einem belastenden Ereignis eher für eine seelische.
- Bleiben morgendliche und nächtliche Erektionen erhalten und funktioniert es bei der Selbstbefriedigung, ist die Durchblutung selten das Hauptproblem.
- Fehlen die morgendlichen Erektionen ebenfalls und tritt das Problem in jeder Situation auf, liegt eine körperliche Ursache näher.
- Bestehen Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Übergewicht, Diabetes oder wenig Bewegung, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Gefäßbeteiligung.
Besonders eng ist der Zusammenhang mit dem Zuckerstoffwechsel. Erhöhte Blutzuckerwerte schädigen sowohl die kleinen Gefäße als auch die Nerven, die an der Erektion beteiligt sind. Auffällige Werte finden sich oft schon in der Vorstufe, lange vor einer Diabetesdiagnose. Was ein HbA1c zwischen 5,7 und 6,4 Prozent bedeutet, erklären wir gesondert. Auch ein dauerhaft erhöhter Blutdruck spielt mit, unabhängig davon, ob er behandelt wird. Hintergründe dazu stehen auf der Seite zu Bluthochdruck.
Was zu einer Abklärung gehört
Wenn eine Erektionsstörung länger als einige Wochen besteht, ist sie ein Anlass für eine internistische Standortbestimmung. Diese Untersuchungen sind einfach und in einer Sprechstunde zu erledigen, ein Teil davon wird von der Krankenkasse getragen.
- Blutdruckmessung, bei grenzwertigen Werten ergänzt durch Messungen zu Hause oder über 24 Stunden.
- Blutfette, vor allem das LDL-Cholesterin.
- Nüchternblutzucker, je nach Befund ergänzt um den HbA1c-Wert.
- Taillenumfang und Körpergewicht.
- Fragen nach Rauchen, Alkohol, Bewegung und Schlaf, dazu die Liste der eingenommenen Medikamente.
- Bei Beschwerden unter Belastung oder mehreren Risikofaktoren zusätzlich ein EKG und gegebenenfalls eine weiterführende kardiologische Untersuchung.
Ab 35 Jahren haben gesetzlich Versicherte alle drei Jahre Anspruch auf eine allgemeine Gesundheitsuntersuchung, die Blutdruck, Blutfette und Nüchternblutzucker umfasst. Fällt dabei das LDL-Cholesterin auf, lohnt der Blick auf die Seite zu erhöhten Cholesterinwerten, denn dieser Wert lässt sich sowohl über die Ernährung als auch medikamentös senken.
Was sich durch Lebensstil ändern lässt
Die Gefäßfunktion ist beeinflussbar. In einer Studie mit 110 adipösen Männern mit Erektionsstörung nahm eine Gruppe zwei Jahre lang an einem Programm aus Ernährungsumstellung und regelmäßiger Bewegung teil. Nach zwei Jahren hatte sich die Erektionsfunktion bei 17 Männern dieser Gruppe normalisiert, in der Vergleichsgruppe bei 3. Die Zahlen stammen aus einer einzelnen Untersuchung an stark übergewichtigen Männern und lassen sich nicht auf jeden übertragen. Sie zeigen aber, dass die ersten Schritte im Alltag liegen und eine Behandlung von Bluthochdruck oder erhöhten Blutfetten nicht ersetzen.
Über das Thema zu sprechen fällt vielen schwer. Wenn der Weg in die Praxis eine Hürde ist, kann eine Videosprechstunde ein erster Schritt sein. Bei uns kostet sie 39 €, das Gespräch ist in vier Sprachen möglich, auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Französisch. Eine körperliche Untersuchung mit Blutabnahme und EKG lässt sich damit nicht ersetzen, wohl aber die Einordnung, welche Schritte als Nächstes anstehen.
Ein Sicherheitshinweis gehört an dieser Stelle dazu: Medikamente aus der Gruppe der PDE-5-Hemmer dürfen niemals zusammen mit Nitraten eingenommen werden, weil der Blutdruck dann gefährlich abfallen kann. Das gilt für Nitratspray und Nitrattabletten bei Herzbeschwerden ebenso wie für sogenannte Poppers. Auch mit Arzneimitteln gegen Lungenhochdruck aus der Gruppe der Guanylatzyklase-Stimulatoren ist die Kombination verboten. Wer solche Mittel nimmt, muss das ärztlich ansprechen.
Häufige Fragen
Bedeutet eine Erektionsstörung, dass ich einen Herzinfarkt bekomme?
Nein. Sie zeigt ein erhöhtes Risiko an, keine Gewissheit. In der zusammenfassenden Auswertung von 14 Studien lag das relative Risiko für einen Herzinfarkt bei 1,62 gegenüber Männern ohne Erektionsstörung. Der sinnvolle Umgang damit ist eine Untersuchung von Blutdruck, Blutfetten und Blutzucker, keine Angst.
Ab welchem Alter ist das Signal besonders ernst zu nehmen?
Je jünger, desto deutlicher. In der Mayo-Clinic-Auswertung war der Unterschied bei den 40- bis 49-Jährigen am größten, bei den über 70-Jährigen fast aufgehoben. Eine neu aufgetretene Erektionsstörung vor dem 50. Lebensjahr sollte deshalb immer ärztlich abgeklärt werden.
Wie viel Zeit bleibt zwischen den ersten Erektionsproblemen und Herzbeschwerden?
In einer Untersuchung an 300 Männern mit koronarer Herzkrankheit gingen die Erektionsprobleme bei zwei Dritteln der Betroffenen voraus, im Mittel um knapp 39 Monate. Die Spanne war allerdings sehr weit, von einem Monat bis zu 14 Jahren. Eine verlässliche Frist lässt sich daraus für den Einzelnen nicht ableiten.
Muss ich zum Kardiologen oder reicht die Hausarztpraxis?
Die erste Abklärung gehört in die Hausarztpraxis, denn Blutdruck, Blutfette und Blutzucker sind dort verfügbar. Eine kardiologische Vorstellung ist sinnvoll, wenn Beschwerden unter Belastung bestehen, mehrere Risikofaktoren zusammenkommen oder das EKG auffällig ist.
Quellen
- Vlachopoulos CV et al.: Prediction of cardiovascular events and all-cause mortality with erectile dysfunction. A systematic review and meta-analysis of cohort studies. Circulation: Cardiovascular Quality and Outcomes 2013; 6: 99–109.
- Inman BA et al.: A population-based, longitudinal study of erectile dysfunction and future coronary artery disease. Mayo Clinic Proceedings 2009; 84: 108–113.
- Montorsi F et al.: Erectile dysfunction prevalence, time of onset and association with risk factors in 300 consecutive patients with acute chest pain and angiographically documented coronary artery disease. European Urology 2003; 44: 360–364.
- Esposito K et al.: Effect of lifestyle changes on erectile dysfunction in obese men. A randomized controlled trial. JAMA 2004; 291: 2978–2984.
- European Association of Urology: Guidelines on Sexual and Reproductive Health, Kapitel Erectile Dysfunction. uroweb.org
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob hinter einer Erektionsstörung eine Gefäßerkrankung steht, klärt eine ärztliche Untersuchung mit Anamnese, Messwerten und Laborwerten. Bei Druck oder Schmerz in der Brust, Atemnot, kaltem Schweiß oder plötzlicher Schwäche wählen Sie sofort die 112. Außerhalb der Sprechzeiten erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.
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