Ein HbA1c zwischen 5,7 und 6,4 Prozent beschreibt einen Bereich zwischen normalem Zuckerstoffwechsel und Diabetes, den Fachleute Prädiabetes nennen. Etwa 30 bis 40 Prozent der Betroffenen entwickeln daraus einen manifesten Typ-2-Diabetes. Der Zustand ist keine Einbahnstraße. In einem großen Präventionsprogramm senkte ein strukturiertes Lebensstilprogramm die Zahl der Neuerkrankungen um 58 Prozent.
Was der HbA1c misst und wo seine Grenzen liegen
Der HbA1c ist kein Momentwert. Er gibt an, welcher Anteil des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin mit Zucker beladen ist. Weil rote Blutkörperchen mehrere Wochen leben, spiegelt der Wert die durchschnittliche Blutzuckerlage der vergangenen zwei bis drei Monate. Das macht ihn robust gegenüber einem einzelnen üppigen Abendessen und gegenüber der Frage, ob Sie vor der Blutabnahme nüchtern waren.
Die Grenzwerte im Überblick
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft ordnet den Bereich von 39 bis 47 mmol/mol, das entspricht 5,7 bis 6,4 Prozent, dem Prädiabetes zu. Daneben gibt es zwei weitere Wege zur Einordnung: den Nüchternblutzucker und den Zuckerbelastungstest, bei dem der Wert zwei Stunden nach dem Trinken einer Zuckerlösung gemessen wird.
| Einordnung | HbA1c | Nüchternglukose | Wert 2 Stunden im Belastungstest |
|---|---|---|---|
| unauffällig | unter 5,7 Prozent (unter 39 mmol/mol) | unter 100 mg/dl | unter 140 mg/dl |
| Prädiabetes | 5,7 bis 6,4 Prozent (39 bis 47 mmol/mol) | 100 bis 125 mg/dl | 140 bis 199 mg/dl |
| Diabetes mellitus | ab 6,5 Prozent (ab 48 mmol/mol) | ab 126 mg/dl | ab 200 mg/dl |
Die drei Wege stimmen nicht immer überein. Es kommt vor, dass der HbA1c unauffällig ist, der Belastungstest aber eine gestörte Glukosetoleranz zeigt, oder umgekehrt. Deshalb sagt ein einzelner Wert wenig aus, solange er nicht bestätigt wurde.
Wann der Wert in die Irre führt
Der HbA1c hängt davon ab, wie lange rote Blutkörperchen leben. Alles, was diese Lebensdauer verändert, verschiebt den Wert, ohne dass sich am Blutzucker etwas geändert hätte. Falsch niedrige Werte entstehen zum Beispiel bei einer Blutungsanämie, nach einer Bluttransfusion oder bei Erkrankungen, die rote Blutkörperchen vorzeitig zerstören. Falsch hohe Werte kommen bei Eisenmangel und bei fortgeschrittener Nierenschwäche vor. Auch bestimmte angeborene Hämoglobinvarianten stören manche Messverfahren. In der Schwangerschaft ist der HbA1c zur Diagnose nicht geeignet, dort gilt der Zuckerbelastungstest.
Zwei praktische Folgerungen ergeben sich daraus. Erstens gehört ein auffälliger Wert vor jeder Konsequenz durch eine zweite Messung bestätigt. Zweitens lohnt ein Blick auf das Blutbild, bevor aus einer Zahl eine Diagnose wird.
Warum diese Zone kein harmloser Zwischenzustand ist
Prädiabetes klingt nach Vorstufe und damit nach etwas, das noch nicht zählt. Der Stoffwechsel arbeitet in diesem Bereich jedoch bereits seit Jahren gegen einen Widerstand an. Die Zellen von Muskulatur, Leber und Fettgewebe sprechen schlechter auf Insulin an. Die Bauchspeicheldrüse gleicht das aus, indem sie mehr Insulin produziert. Solange dieser Ausgleich gelingt, bleibt der Blutzucker fast normal. Der Übergang in einen Diabetes ist der Moment, in dem der Ausgleich nicht mehr reicht.
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft geht davon aus, dass etwa 30 bis 40 Prozent der Menschen mit Prädiabetes im weiteren Verlauf einen manifesten Typ-2-Diabetes entwickeln. Das heißt umgekehrt: Bei der Mehrheit passiert das nicht. Welcher Gruppe jemand angehört, ist nicht ausgelost, sondern hängt zu einem erheblichen Teil an Gewicht, Bewegung und Begleiterkrankungen.
Ein zweiter Punkt wird oft übersehen. Das Herz-Kreislauf-Risiko steigt nicht erst mit der Diagnose Diabetes. Bluthochdruck, ungünstige Blutfette, vermehrtes Bauchfett und eine gestörte Zuckerverwertung treten häufig gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig. Wer einen Prädiabetes feststellt, sollte deshalb nicht nur auf den Zucker schauen. Was sonst noch zum Gefäßrisiko beiträgt, haben wir in einem eigenen Beitrag zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall zusammengestellt.
Beschwerden macht ein Prädiabetes in aller Regel keine. Durst, häufiges Wasserlassen und Müdigkeit treten meist erst bei deutlich höheren Werten auf. Der Bereich wird deshalb fast immer zufällig entdeckt, bei einer Routineuntersuchung oder vor einer Operation. Welche Anzeichen später hinzukommen können, beschreibt unser Beitrag zu Symptomen und Alltag bei Typ-2-Diabetes.
Was nachweislich hilft
Für kaum eine andere Vorstufe einer chronischen Krankheit gibt es so klare Zahlen. Das Diabetes Prevention Program untersuchte 3.234 Erwachsene mit erhöhtem Blutzucker und erhöhtem Körpergewicht über durchschnittlich 2,8 Jahre. Eine Gruppe erhielt ein strukturiertes Lebensstilprogramm, eine zweite das Medikament Metformin, eine dritte ein Scheinmedikament. Gezählt wurde, wie viele Teilnehmer einen Diabetes entwickelten.
| Gruppe | Neue Diabetesfälle je 100 Personenjahre | Unterschied zur Vergleichsgruppe |
|---|---|---|
| Scheinmedikament | 11,0 | Vergleichsgruppe |
| Metformin | 7,8 | 31 Prozent weniger |
| Lebensstilprogramm | 4,8 | 58 Prozent weniger |
Die absoluten Zahlen sind dabei aussagekräftiger als die Prozentangaben. Von 100 Personen, die ein Jahr lang beobachtet wurden, erkrankten in der Vergleichsgruppe rund 11, im Lebensstilprogramm knapp 5. Das ist ein Unterschied von etwa 6 Fällen je 100 Personenjahre.
Was das Programm konkret verlangte
Das Lebensstilprogramm war kein vages Gesundheitsversprechen, sondern hatte zwei messbare Ziele: mindestens 7 Prozent des Körpergewichts abnehmen und mindestens 150 Minuten pro Woche körperlich aktiv sein, etwa durch zügiges Gehen. Dazu kam eine engmaschige Begleitung mit regelmäßigen Terminen im ersten Jahr.
Bemerkenswert ist, was die Nachbeobachtung zeigte. Nach insgesamt 15 Jahren lag die Diabetesrate in der früheren Lebensstilgruppe noch 27 Prozent unter der Vergleichsgruppe, in der Metformingruppe 18 Prozent darunter. Der Vorsprung schmolz also, blieb aber bestehen, auch nachdem die intensive Betreuung längst geendet hatte.
Und Metformin?
Metformin schnitt in der Studie schlechter ab als das Lebensstilprogramm. Wichtiger für die Praxis in Deutschland: Das Präparat ist hier zur Behandlung eines Prädiabetes nicht zugelassen. Ein Einsatz wäre ein Off-Label-Gebrauch, über den nur eine Ärztin oder ein Arzt im Einzelfall entscheiden kann. Eine allgemeine Empfehlung, bei einem HbA1c von 6,0 Prozent zur Tablette zu greifen, lässt sich daraus nicht ableiten.
Wie es nach dem Befund weitergeht
Ein Prädiabetes ist ein Anlass für eine Bestandsaufnahme, nicht für Aktionismus. Sinnvoll ist ein Blick auf die Größen, die zusammen das Risiko bestimmen.
- Gewicht und Taillenumfang. Bauchbetontes Fett wirkt stoffwechselaktiv und treibt die Insulinresistenz. Eine Abnahme von etwa 5 bis 10 Prozent des Ausgangsgewichts verbessert Blutdruck, Blutzucker und Blutfette messbar.
- Bewegung. Die 150 Minuten pro Woche aus dem Präventionsprogramm sind eine gute Richtgröße. Muskulatur nimmt Zucker auch ohne Insulin auf, das wirkt unmittelbar.
- Blutdruck und Blutfette. Beide gehören bei einem auffälligen Zuckerwert mit auf den Laborzettel, weil sie das Gefäßrisiko mitbestimmen.
- Rauchen. Es verschlechtert Insulinwirkung und Gefäße zugleich.
- Schlaf. Chronischer Schlafmangel und unbehandelte nächtliche Atemaussetzer verschlechtern die Zuckerverwertung.
- Kontrolle. Bleibt der Wert im Prädiabetesbereich, ist eine jährliche Nachmessung üblich. Den Abstand legt die behandelnde Praxis fest.
Wenn zusätzlich eine Adipositas vorliegt, kommt die Gewichtsabnahme selbst als Behandlungsziel in Betracht. Ab einem BMI von 30, oder ab 27 bei einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung, sehen die Leitlinien nach einem erfolglosen Basisprogramm aus Ernährung, Bewegung und Verhalten auch eine medikamentöse Unterstützung vor. Was dazugehört und wie die Einordnung erfolgt, lesen Sie auf unserer Seite zu Übergewicht und Adipositas. Hintergründe zur Erkrankung selbst finden Sie auf der Seite zu Typ-2-Diabetes.
Selbstmessungen mit einem Blutzuckergerät sind bei Prädiabetes in der Regel nicht nötig. Der Verlauf lässt sich über den HbA1c und den Nüchternwert gut genug beurteilen, und tägliche Einzelwerte verunsichern eher, als dass sie eine Entscheidung ändern.
Häufige Fragen
Kann ein Prädiabetes wieder verschwinden?
Ja, der Bereich ist nicht endgültig. Werte können durch Gewichtsabnahme und mehr Bewegung wieder in den unauffälligen Bereich zurückkehren. Die Neigung zur Insulinresistenz bleibt allerdings bestehen, weshalb regelmäßige Kontrollen sinnvoll sind.
Ist ein HbA1c von 6,0 schlimmer als 5,8 Prozent?
Das Risiko steigt innerhalb der Zone kontinuierlich an, es gibt keine Schwelle zwischen 5,8 und 6,0 Prozent. Ein einzelner Unterschied von 0,2 Prozentpunkten liegt aber teilweise in der Messschwankung. Aussagekräftiger ist die Richtung über mehrere Messungen hinweg.
Muss ich jetzt Metformin nehmen?
In Deutschland ist Metformin für die Behandlung eines Prädiabetes nicht zugelassen. In der großen Präventionsstudie war das Lebensstilprogramm dem Medikament ohnehin überlegen. Über Ausnahmen im Einzelfall entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Wie oft sollte der Wert kontrolliert werden?
Bei einem stabilen Wert im Prädiabetesbereich ist eine jährliche Kontrolle üblich. Wer aktiv abnimmt oder eine Therapie umstellt, misst nach Absprache häufiger. Den Rhythmus legt die behandelnde Praxis fest.
Kann ich auch mit Normalgewicht betroffen sein?
Ja. Familiäre Veranlagung, wenig Bewegung, bestimmte Medikamente und ein früherer Schwangerschaftsdiabetes erhöhen das Risiko unabhängig vom Gewicht. Ein normaler BMI schließt eine Insulinresistenz nicht aus.
Quellen
- Landgraf R et al.: Definition, Klassifikation, Diagnostik und Differenzialdiagnostik des Diabetes mellitus. Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Update 2025. Diabetologie und Stoffwechsel 2025; 20: S127–S143.
- Knowler WC et al.: Reduction in the Incidence of Type 2 Diabetes with Lifestyle Intervention or Metformin (Diabetes Prevention Program). New England Journal of Medicine 2002; 346: 393–403.
- Diabetes Prevention Program Research Group: Long-term effects of lifestyle intervention or metformin on diabetes development and microvascular complications over 15-year follow-up. The Lancet Diabetes & Endocrinology 2015.
- Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, AWMF-Register nvl-001.
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft: S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas, AWMF-Register 050-001, Version 5.0, 2024. register.awmf.org
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob ein einzelner Laborwert einen Prädiabetes belegt und welche Maßnahmen für Sie sinnvoll sind, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt nach Prüfung Ihrer Vorbefunde, Vorerkrankungen und Medikamente. Bei starkem Durst, ungewolltem Gewichtsverlust, Sehstörungen oder zunehmender Schwäche lassen Sie den Blutzucker zeitnah abklären. Außerhalb der Sprechzeiten hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117. Bei Bewusstseinstrübung, Verwirrtheit oder tiefer Atemnot wählen Sie die 112.
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