Akuttherapie und Prophylaxe: zwei verschiedene Ziele
Migräne ist weit mehr als „nur Kopfschmerz". Die Attacken äußern sich typischerweise mit einseitigen, pulsierenden Kopfschmerzen, die sich bei Bewegung verstärken und oft von Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Bei manchen Betroffenen kündigt sich der Anfall durch eine sogenannte Aura mit Sehstörungen an. Für die Behandlung sind zwei grundsätzlich verschiedene Strategien zu unterscheiden.
Die Akuttherapie setzt im Moment der Attacke an. Sie soll den bereits begonnenen Anfall möglichst rasch durchbrechen – etwa mit Schmerzmitteln oder mit speziellen Migränemitteln (Triptanen). Sie ändert jedoch nichts an der Häufigkeit künftiger Attacken.
Die Prophylaxe (Vorbeugung) verfolgt ein anderes Ziel: Sie wird dauerhaft und unabhängig von einer akuten Attacke eingenommen oder angewendet und soll Anzahl, Schwere und Dauer der Migräneanfälle insgesamt verringern. Statt jede Attacke einzeln zu bekämpfen, setzt sie einen Schritt früher an. Beide Ansätze schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich häufig: Auch wer eine Prophylaxe nimmt, hat in der Regel weiterhin eine Akutmedikation für den Bedarfsfall. Die Auswahl und Steuerung gehören in ärztliche Hand.
Wann ist eine Prophylaxe sinnvoll?
Nicht jede Migräne braucht eine vorbeugende Dauerbehandlung. Sie kommt vor allem dann infrage, wenn die Erkrankung den Alltag spürbar belastet. Als orientierende Anhaltspunkte für eine Prophylaxe gelten:
- Häufige Attacken: in der Regel ab etwa drei bis vier Migränetagen pro Monat
- Hoher Leidensdruck: wenn einzelne Attacken besonders lang, schwer oder mit ausgeprägten Begleitsymptomen verlaufen und Beruf oder Privatleben stark einschränken
- Unzureichende Akuttherapie: wenn die Anfälle mit Akutmedikamenten nicht ausreichend beherrschbar sind oder diese nicht vertragen werden
- Drohender Medikamentenübergebrauch: wenn an zu vielen Tagen im Monat Akut- oder Schmerzmittel nötig sind
Der letzte Punkt ist besonders wichtig. Werden Schmerz- oder Migränemittel an zu vielen Tagen pro Monat eingenommen, kann sich ein Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch entwickeln – ein Teufelskreis, bei dem die Mittel den Kopfschmerz unterhalten, statt ihn zu lindern. Eine Prophylaxe kann helfen, den Akutmittelverbrauch zu senken und diesen Kreislauf zu durchbrechen. Ob und welche Vorbeugung sinnvoll ist, entscheidet die ärztliche Beratung individuell – am besten auf Grundlage eines geführten Kopfschmerztagebuchs.
Medikamentöse Optionen der Vorbeugung
Für die medikamentöse Prophylaxe stehen mehrere Wirkstoffgruppen zur Verfügung. Viele wurden ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt und haben sich in Studien als wirksam zur Migränevorbeugung erwiesen. Allen gemeinsam ist: Sie wirken nicht sofort, sondern entfalten ihren Nutzen erst nach einigen Wochen regelmäßiger Anwendung, und sie sind verschreibungspflichtig.
Betablocker
- typische Vertreter: Metoprolol und Propranolol
- gut untersuchte Mittel der ersten Wahl; ursprünglich Blutdruckmedikamente, die die Attackenhäufigkeit senken können
Antikonvulsivum Topiramat
- ein ursprünglich gegen Epilepsie entwickeltes Mittel mit belegter Wirksamkeit in der Migräneprophylaxe
Amitriptylin
- ein trizyklisches Antidepressivum, das in niedriger Dosierung vorbeugend wirkt – besonders günstig bei begleitenden Spannungskopfschmerzen oder Schlafstörungen
Flunarizin
- ein Kalziumantagonist, der ebenfalls zur Vorbeugung eingesetzt wird
Moderne CGRP-Antikörper
- eine neuere, gezielt für die Migräne entwickelte Wirkstoffklasse, die am Botenstoff CGRP ansetzt
- werden in der Regel als Spritze in größeren Abständen angewendet und kommen vor allem dann infrage, wenn andere Prophylaktika nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden
Welches Mittel passt, hängt von Begleiterkrankungen, Verträglichkeit und individuellen Faktoren ab. Die Auswahl, Dosierung und das langsame Eindosieren steuert immer die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Nicht-medikamentöse Vorbeugung und das Migräne-Tagebuch
Eine wirksame Prophylaxe beruht nicht allein auf Medikamenten. Nicht-medikamentöse Maßnahmen sind ein fester und gleichwertiger Bestandteil der Vorbeugung – bei leichteren Verläufen können sie sogar ausreichen, in jedem Fall ergänzen sie eine medikamentöse Therapie sinnvoll.
- Regelmäßiger Ausdauersport: moderates aerobes Training (etwa Schwimmen, Radfahren oder Joggen) kann die Attackenhäufigkeit nachweislich senken.
- Entspannungsverfahren: die progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Biofeedback und Stressbewältigungstrainings haben eine gute Evidenz.
- Stabiler Schlaf-Wach-Rhythmus: Migräne reagiert empfindlich auf Unregelmäßigkeiten; feste Schlafenszeiten – auch am Wochenende – helfen.
- Trigger-Management: regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Flüssigkeit und das Vermeiden bekannter persönlicher Auslöser.
- Magnesium: wird ergänzend zur Vorbeugung eingesetzt; die Datenlage ist begrenzt, eine ärztliche Rücksprache ist sinnvoll.
Das zentrale Werkzeug für die gesamte Behandlung ist ein Kopfschmerz- beziehungsweise Migräne-Tagebuch. Darin notieren Sie Häufigkeit, Dauer und Stärke der Attacken, mögliche Auslöser sowie den Verbrauch an Akutmedikamenten. Das Tagebuch hilft, individuelle Trigger zu erkennen, den Behandlungserfolg objektiv zu beurteilen und die Therapie gezielt anzupassen. Es ist damit eine ideale Grundlage für jedes ärztliche Gespräch – auch im Rahmen einer telemedizinischen Betreuung, etwa über deinrezept.de, die den Zugang zu ärztlicher Rücksprache und Folgerezepten erleichtern kann.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Auswahl und Steuerung einer Migräneprophylaxe gehören in ärztliche Hand. Suchen Sie ärztlichen Rat bei einer deutlichen Zunahme oder Veränderung Ihrer Kopfschmerzen sowie bei zunehmendem Verbrauch von Akutmedikamenten. Plötzlich auftretende, ungewohnt heftige („Vernichtungs-")Kopfschmerzen, Kopfschmerz mit Fieber und Nackensteife, neu auftretende neurologische Ausfälle wie Lähmungen oder Sprachstörungen sind Warnzeichen und erfordern eine sofortige Abklärung – im Notfall rufen Sie den Notruf 112. Nehmen Sie verschreibungspflichtige Medikamente nur nach ärztlicher Verordnung ein.




