Was ist Mycoplasma genitalium?
Mycoplasma genitalium (kurz Mgen oder M. genitalium) ist ein sehr kleines Bakterium, das erst 1981 entdeckt und als Krankheitserreger identifiziert wurde. Es gehört wie Ureaplasma zur Familie der Mykoplasmen und besitzt keine Zellwand, was die Diagnostik und Behandlung erschwert.
Mycoplasma genitalium gilt heute als eine der wichtigsten Ursachen für die nicht-gonorrhoische Urethritis (NGU) beim Mann und für Zervizitis bei der Frau. Die Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung wird auf 1 bis 3 Prozent geschätzt, bei Risikopopulationen (STI-Kliniken, MSM) liegt sie deutlich höher.
Besondere Aufmerksamkeit erhält Mgen aufgrund der rasant zunehmenden Antibiotikaresistenz, die die Behandlung zunehmend erschwert. Die Weltgesundheitsorganisation hat Mycoplasma genitalium auf die Liste der Erreger gesetzt, für die dringend neue Therapiestrategien benötigt werden.
Verbreitung und Übertragung
Mycoplasma genitalium wird überwiegend durch sexuellen Kontakt übertragen:
- Vaginaler Geschlechtsverkehr: Hauptübertragungsweg, Übertragungswahrscheinlichkeit pro Kontakt wird auf 5 bis 20 Prozent geschätzt
- Analer Geschlechtsverkehr: Kann zu rektalen Infektionen führen
- Oraler Geschlechtsverkehr: Pharyngeale Infektionen möglich, aber seltener
Die Inkubationszeit beträgt etwa 1 bis 5 Wochen nach Exposition. In vielen Fällen bleibt die Infektion über Monate oder sogar Jahre asymptomatisch bestehen und wird erst bei gezielter Testung entdeckt.
Risikofaktoren für eine Mgen-Infektion sind vergleichbar mit anderen STI: junges Alter, häufig wechselnde Sexualpartner, ungeschützter Geschlechtsverkehr und gleichzeitig bestehende andere STI. Bei Frauen kann eine unbehandelte Mgen-Infektion zu Pelvic Inflammatory Disease (PID), Eileiterschwangerschaft und Unfruchtbarkeit führen.
Symptome
Mycoplasma genitalium verläuft in vielen Fällen asymptomatisch – insbesondere bei Frauen bleiben bis zu 70 Prozent der Infektionen unbemerkt. Wenn Symptome auftreten, ähneln sie anderen STI:
Bei Männern
- Urethritis: Brennen beim Wasserlassen, klarer bis leicht trüber Ausfluss
- Dysurie: Schmerzen oder unangenehmes Gefühl beim Urinieren
- Gelegentlich Epididymitis oder Prostatitis
Bei Frauen
- Zervizitis: Veränderter Vaginalausfluss, Kontaktblutungen
- Urethritis: Brennen beim Wasserlassen
- Unterbauchschmerzen: Hinweis auf aufsteigende Infektion (Endometritis, Salpingitis)
- Zwischenblutungen: Unregelmäßige Blutungen außerhalb der Menstruation
Da die Symptome unspezifisch sind und denen von Chlamydien- oder Gonorrhoe-Infektionen ähneln, ist eine gezielte Labordiagnostik für die korrekte Diagnose unerlässlich.
Diagnose: PCR und Resistenztestung
Der Nachweis von Mycoplasma genitalium erfolgt ausschließlich über molekularbiologische Methoden, da der Erreger in herkömmlichen Kulturen extrem langsam wächst (Wochen bis Monate) und für die Routinediagnostik ungeeignet ist.
PCR-Test (NAAT)
Der Nukleinsäureamplifikationstest ist der Goldstandard. Geeignetes Material:
- Erststrahlurin (Männer)
- Vaginalabstrich oder Zervixabstrich (Frauen)
- Rektalabstrich bei Verdacht auf rektale Infektion
Makrolid-Resistenztestung
Aufgrund der hohen Resistenzraten gegenüber Azithromycin wird heute dringend empfohlen, gleichzeitig mit dem Erregernachweis eine Resistenztestung auf Makrolid-Resistenz-assoziierte Mutationen durchzuführen. Diese Mutationen (vor allem in der 23S-rRNA-Region) können mittels PCR nachgewiesen werden.
In Deutschland liegt die Makrolid-Resistenzrate bei Mgen aktuell bei etwa 30 bis 50 Prozent – Tendenz steigend. Ohne Resistenztestung besteht ein erhebliches Risiko, mit einem unwirksamen Antibiotikum zu behandeln und die Resistenzentwicklung weiter zu fördern.
Stufentherapie
Die Behandlung von Mycoplasma genitalium folgt einem resistenzgeleiteten Stufenschema, das die Ergebnisse der Makrolid-Resistenztestung berücksichtigt:
Stufe 1: Bei Makrolid-sensiblem Mgen
- Doxycyclin 100 mg zweimal täglich über 7 Tage (Vorbehandlung zur Erregerlastreduktion)
- Gefolgt von Azithromycin: 1 g am Tag 1, dann 500 mg an den Tagen 2 bis 4
Stufe 2: Bei Makrolid-resistentem Mgen
- Doxycyclin 100 mg zweimal täglich über 7 Tage (Vorbehandlung)
- Gefolgt von Moxifloxacin 400 mg einmal täglich über 7 bis 14 Tage
Stufe 3: Bei Therapieversagen
Bei Versagen der ersten beiden Stufen stehen nur wenige Optionen zur Verfügung. In spezialisierten Zentren wird teilweise Pristinamycin eingesetzt, das in Deutschland jedoch nur über die internationale Apotheke erhältlich ist.
Eine Kontrolluntersuchung (Test of Cure) mittels PCR ist 3 bis 5 Wochen nach Therapieende obligat, um den Behandlungserfolg zu verifizieren.
Resistenzproblematik
Die Antibiotikaresistenz bei Mycoplasma genitalium ist ein ernstes und zunehmendes Problem, das die Behandlung weltweit erschwert:
- Makrolid-Resistenz (Azithromycin): In Europa 30 bis 50 Prozent, in einigen asiatischen Ländern über 80 Prozent. Hauptursache ist die weitverbreitete Verwendung von Azithromycin-Einmaldosen.
- Fluorchinolon-Resistenz (Moxifloxacin): In Europa noch relativ selten (5 bis 15 Prozent), aber ebenfalls steigend.
- Doppelresistenz: Gegen Makrolide und Fluorchinolone gleichzeitig – besonders besorgniserregend, da kaum Therapiealternativen verfügbar sind.
Deshalb gilt heute der Grundsatz: Erst testen, dann behandeln. Eine empirische Therapie ohne vorherige Resistenztestung sollte vermieden werden. Die Vorbehandlung mit Doxycyclin reduziert die Erregerlast und verbessert die Wirksamkeit der nachfolgenden gezielten Therapie erheblich.
Für die Zukunft befinden sich neue Antibiotika in der klinischen Erprobung, darunter Lefamulin und Zoliflodacin, die gegen multiresistente Mgen-Stämme wirksam sein könnten.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Mycoplasma genitalium erfordert eine spezialisierte Diagnostik und resistenzgeleitete Therapie. Bitte konsultieren Sie bei Verdacht auf eine Infektion eine Ärztin oder einen Arzt mit Erfahrung in der STI-Behandlung.




