Was ist Gardnerella vaginalis?
Gardnerella vaginalis ist ein Bakterium, das natürlicher Bestandteil der Vaginalflora sein kann. Problematisch wird es, wenn sich Gardnerella übermäßig vermehrt und die gesunde Scheidenflora verdrängt. Dies führt zur sogenannten bakteriellen Vaginose (BV) – der häufigsten vaginalen Infektion bei Frauen im gebärfähigen Alter.
Die gesunde Vaginalflora wird von Laktobazillen (Milchsäurebakterien) dominiert, die ein saures Milieu (pH 3,8–4,5) aufrechterhalten und so pathogene Keime in Schach halten. Bei einer bakteriellen Vaginose verschiebt sich dieses Gleichgewicht: Gardnerella und andere anaerobe Bakterien nehmen überhand, der pH-Wert steigt an.
Etwa 30 % aller Frauen zwischen 15 und 44 Jahren sind mindestens einmal betroffen. Viele Frauen sind asymptomatisch – bei ihnen ist keine Behandlung erforderlich. Treten jedoch Beschwerden auf, sollte eine Therapie erfolgen, da eine unbehandelte BV Komplikationen begünstigen kann.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genaue Ursache der bakteriellen Vaginose ist nicht vollständig geklärt. Es handelt sich nicht um eine klassische sexuell übertragbare Infektion, obwohl sexuelle Aktivität das Risiko erhöht. Folgende Faktoren begünstigen die Entstehung:
- Neue oder multiple Sexualpartner: Veränderungen in der Vaginalflora durch Kontakt mit neuen Keimen.
- Übermäßige Intimhygiene: Vaginalduschen, parfumierte Seifen und Intimsprays zerstören das natürliche Milieu.
- Antibiotikatherapie: Antibiotika können die schützenden Laktobazillen zerstören.
- Hormonelle Veränderungen: Menstruation, Schwangerschaft und hormonelle Kontrazeptiva beeinflussen die Vaginalflora.
- Rauchen: Erhöht das Risiko für BV – der genaue Mechanismus ist unklar.
- Intrauterinpessar (Spirale): Kann die Vaginalflora verändern.
- Stress und geschwächtes Immunsystem: Begünstigen ein Ungleichgewicht der Vaginalflora.
Wichtig: Die bakterielle Vaginose ist keine Frage mangelnder Hygiene. Im Gegenteil – übertriebene Hygiene ist ein häufiger Auslöser.
Symptome der bakteriellen Vaginose
Etwa 50 % der Frauen mit bakterieller Vaginose haben keine Symptome. Wenn Beschwerden auftreten, sind folgende typisch:
- Dünner, grau-weißer Ausfluss: Das Leitsymptom. Der Ausfluss ist oft homogen und wässrig.
- Unangenehmer, fischiger Geruch: Besonders nach dem Geschlechtsverkehr und während der Menstruation (durch alkalischen pH). Dieses Symptom wird als besonders belastend empfunden.
- Leichter Juckreiz: Weniger ausgeprägt als bei einer Pilzinfektion.
- Brennen beim Wasserlassen: Gelegentlich, bei Beteiligung der Harnröhre.
Abgrenzung zur Pilzinfektion: Bei einer vaginalen Candidose (Scheidenpilz) ist der Ausfluss typischerweise weiß, krümelig (quarkähnlich) und der Juckreiz steht im Vordergrund. Bei der BV ist der fischige Geruch das Leitsymptom. Eine ärztliche Untersuchung klärt die Diagnose zuverlässig.
Unbehandelt kann eine BV in der Schwangerschaft das Risiko für Frühgeburt, vorzeitigen Blasensprung und Wochenbettinfektionen erhöhen. Auch das Risiko für sexuell übertragbare Infektionen (STI) steigt.
Diagnose: Whiff-Test und Mikroskopie
Die Diagnose der bakteriellen Vaginose erfolgt anhand der Amsel-Kriterien (mindestens 3 von 4 müssen erfüllt sein):
- Dünner, homogener Ausfluss: Grau-weiß, gleichmäßig.
- Erhöhter pH-Wert: Über 4,5 (messbar mit pH-Teststreifen).
- Positiver Whiff-Test: Fischiger Geruch nach Zugabe von 10%iger Kalilauge (KOH) zum Vaginalsekret.
- Clue Cells in der Mikroskopie: Epithelzellen, die mit Bakterien überzogen sind (Schlüsselzellen). Das zuverlässigste Einzelkriterium.
Alternativ kann der Nugent-Score verwendet werden, bei dem ein Vaginalabstrich gefärbt und unter dem Mikroskop das Verhältnis von Laktobazillen zu Gardnerella und anderen Bakterien beurteilt wird. Ein Score von 7–10 gilt als diagnostisch für BV.
Bei wiederkehrenden Beschwerden oder Therapieversagen kann eine mikrobiologische Kultur oder PCR-Untersuchung sinnvoll sein.
Behandlung mit Antibiotika
Die Standardtherapie der symptomatischen bakteriellen Vaginose umfasst:
Erstlinientherapie
- Metronidazol oral: 500 mg zweimal täglich für 7 Tage. Oder: 2 g als Einmaldosis (geringere Wirksamkeit). Wichtig: Kein Alkohol während der Einnahme und 48 Stunden danach (Antabuseffekt mit Übelkeit und Erbrechen).
- Metronidazol vaginal: 0,75 %-Gel, einmal täglich für 5 Tage intravaginal. Weniger systemische Nebenwirkungen.
Alternativtherapie
- Clindamycin vaginal: 2 %-Creme, einmal täglich für 7 Tage intravaginal. Oder: 300 mg oral zweimal täglich für 7 Tage.
Die Heilungsrate nach der Erstbehandlung liegt bei 70–80 %. Allerdings erleben bis zu 50 % der Frauen innerhalb von 12 Monaten ein Rezidiv. Bei häufigen Rückfällen kann eine verlängerte Therapie oder eine Kombination mit vaginalen Laktobazillen-Präparaten sinnvoll sein.
In der Schwangerschaft ist Metronidazol oral (250 mg dreimal täglich für 7 Tage) die empfohlene Therapie bei symptomatischer BV. Clindamycin vaginal ist ebenfalls möglich.
Partnerbehandlung und Rezidivprophylaxe
Die Frage der Partnerbehandlung wird kontrovers diskutiert:
- Aktuelle Leitlinien empfehlen bei männlichen Partnern keine routinemäßige Mitbehandlung, da Studien keinen klaren Nutzen gezeigt haben.
- Bei weiblichen Partnerinnen kann eine gleichzeitige Behandlung sinnvoll sein, da die Übertragung über gemeinsame Bakterienstämme wahrscheinlicher ist.
- Bei häufigen Rezidiven kann eine Partnerbehandlung im Einzelfall erwogen werden.
Zur Rezidivprophylaxe empfehlen sich folgende Maßnahmen:
- Vaginale Laktobazillen: Präparate mit Lactobacillus crispatus oder L. rhamnosus zur Wiederherstellung der gesunden Flora.
- Schonende Intimhygiene: Nur mit klarem Wasser oder pH-neutralen Waschgelen. Keine Vaginalduschen, keine parfumierten Produkte.
- Milchsäure-Präparate: Vaginale Zäpfchen oder Gele zur Ansäuerung des Scheidenmilieus.
- Kondomnutzung: Kann das Rückfallrisiko reduzieren.
Bei mehr als 3 Rezidiven pro Jahr sollte eine suppressive Langzeittherapie mit Metronidazol-Gel (z.B. zweimal wöchentlich über 4–6 Monate) erwägt werden.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Vaginale Beschwerden sollten immer gynäkologisch abgeklärt werden, da verschiedene Infektionen ähnliche Symptome verursachen können. Nehmen Sie Antibiotika nur nach ärztlicher Verordnung ein. In der Schwangerschaft ist eine frühzeitige Behandlung besonders wichtig.




