Lipoprotein(a) ist ein erbliches Blutfett, das das Risiko für Herzinfarkt und für eine verengte Aortenklappe unabhängig vom LDL-Cholesterin erhöht. Der Wert steht in keinem Standard-Lipidprofil und muss eigens angefordert werden. Weil er lebenslang weitgehend stabil bleibt, genügt nach der europäischen Fachgesellschaft eine einzige Messung im Erwachsenenleben.
Was Lipoprotein(a) überhaupt ist
Lipoprotein(a), kurz Lp(a), sieht auf den ersten Blick aus wie ein LDL-Partikel. Es hat denselben Kern aus Cholesterin und denselben Eiweißanteil, Apolipoprotein B. Daran hängt jedoch über eine Schwefelbrücke ein zweites Eiweiß, Apolipoprotein(a). Dieses Anhängsel macht aus einem gewöhnlichen Cholesterinträger einen eigenständigen Risikofaktor.
Apolipoprotein(a) ähnelt im Aufbau dem Plasminogen, also der Vorstufe jenes Enzyms, das der Körper zum Auflösen von Blutgerinnseln braucht. Diese Ähnlichkeit gilt als Erklärung dafür, dass Lp(a) die körpereigene Auflösung von Gerinnseln stören kann. Zusätzlich transportiert das Partikel oxidierte Phospholipide, die in der Gefäßwand Entzündungsreaktionen anstoßen. Lp(a) wirkt damit über mehrere Wege gleichzeitig, als Cholesterinträger, als Entzündungsreiz und als Störfaktor der Gerinnselauflösung.
Warum Lebensstil hier wenig ausrichtet
Die Höhe des Lp(a)-Spiegels wird ganz überwiegend vom LPA-Gen bestimmt. Wer einen hohen Wert hat, hat ihn in aller Regel seit der Kindheit und behält ihn bis ins Alter. Ernährung, Körpergewicht und Sport verschieben ihn nur wenig. Genau darin unterscheidet sich Lp(a) von LDL-Cholesterin und Triglyzeriden, die auf Umstellungen im Alltag und auf Medikamente deutlich reagieren. Wie diese anderen Blutfette zusammenhängen, steht auf unserer Seite zu hohem Cholesterin.
Für die Praxis folgt daraus zweierlei. Ein einmal gemessener Wert behält seine Aussagekraft über Jahrzehnte. Und ein erhöhter Wert ist kein Versäumnis, das jemand durch Disziplin hätte vermeiden können.
Warum der Wert kaum auf einem Befund auftaucht
Ein übliches Lipidprofil umfasst Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin und Triglyzeride. Lipoprotein(a) gehört nicht dazu. Es muss gesondert angefordert werden, und auch die gesetzliche Gesundheitsuntersuchung sieht es nicht vor. Wer nie danach gefragt hat, kennt seinen Wert also mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Das Deutsche Ärzteblatt hat diese Lücke unter der Frage aufgegriffen, ob Lipoprotein(a) aus kardiologischer Sicht zu wenig beachtet werde.
Dazu kommt eine Verwirrung bei den Einheiten. Laborbefunde geben Lp(a) entweder als Masse in mg/dl oder als Teilchenzahl in nmol/l an. Beide Angaben lassen sich nicht sauber ineinander umrechnen, weil Apolipoprotein(a) je nach Erbanlage unterschiedlich groß ist. Ein Partikel kann also viel oder wenig Masse mitbringen. Wer zwei Befunde in verschiedenen Einheiten vergleicht, sollte diesen Punkt kennen und die Werte nicht mit einem Faktor ineinander überführen.
Ab wann ein Wert als erhöht gilt
Die Europäische Atherosklerose-Gesellschaft hat 2022 in einem Konsenspapier Schwellen benannt, an denen sich die Bewertung orientiert. Sie sind keine starren Grenzen, sondern Stufen innerhalb des persönlichen Gesamtrisikos.
| Messwert | Einordnung |
|---|---|
| unter 30 mg/dl | geringes Zusatzrisiko durch Lp(a) |
| 30 bis 50 mg/dl | Graubereich, Bewertung nur zusammen mit den übrigen Risikofaktoren |
| über 50 mg/dl, entsprechend etwa 125 nmol/l | erhöht, Risiko für Herzinfarkt und Aortenklappenstenose steigt |
| über 60 mg/dl oder über 120 nmol/l | Schwelle, ab der in Deutschland eine Lipoprotein-Apherese infrage kommt, wenn weitere Bedingungen erfüllt sind |
| bei Kindern über 30 mg/dl | auffällig, Anlass für die Untersuchung der Familie |
Das Konsenspapier empfiehlt, den Wert bei jedem Erwachsenen mindestens einmal im Leben zu bestimmen. Besonders naheliegend ist die Messung in diesen Fällen:
- Herzinfarkt, Schlaganfall oder Gefäßeingriff in jungen Jahren, bei Ihnen selbst oder in der nahen Verwandtschaft
- bekannte familiäre Hypercholesterinämie in der Familie
- ein hoher Cholesterinwert, der sich mit den üblichen Erklärungen nicht deckt
- eine bereits festgestellte Verengung der Aortenklappe
- ein Gesamtrisiko, das genau zwischen zwei Behandlungsstufen liegt und eine Entscheidungshilfe braucht
Ein erhöhter Lp(a)-Wert bedeutet nicht, dass ein Ereignis eintreten wird. Er verschiebt das Risiko nach oben, ähnlich wie Bluthochdruck oder Rauchen es tun, und er tut das zusätzlich zu allem, was das LDL-Cholesterin bereits beiträgt.
Was sich mit einem hohen Wert tun lässt
Die unbequeme Antwort zuerst: Ein Medikament, das gezielt und zugelassen den Lp(a)-Spiegel senkt, stand zum Zeitpunkt des europäischen Konsenspapiers nicht zur Verfügung. Daraus folgt aber nicht, dass ein hoher Wert folgenlos bleiben muss.
Alle anderen Stellschrauben konsequent nutzen
Weil sich Lp(a) selbst kaum beeinflussen lässt, richtet sich die Behandlung auf das übrige Risiko. Das heißt in der Regel: LDL-Cholesterin auf den für Sie geltenden Zielwert bringen, Blutdruck einstellen, Rauchen beenden, einen Diabetes gut führen und regelmäßig in Bewegung bleiben. Welche Bausteine dabei zusammenwirken, haben wir in unserem Beitrag zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall beschrieben.
Was Statine leisten und was nicht
Statine senken das LDL-Cholesterin zuverlässig, den Lp(a)-Spiegel jedoch nicht. Sie sind trotzdem sinnvoll, weil sie das Gesamtrisiko über den LDL-Weg drücken. Wer verstehen möchte, wie sich die Wirkstoffe unterscheiden, findet das in unserem Vergleich der Statine und in unserem Beitrag dazu, wie sich hohes Cholesterin senken lässt. Auch von PCSK9-Hemmern rät das Konsenspapier ab, sofern sie allein wegen des Lp(a)-Werts eingesetzt werden sollen.
Apherese und neue Wirkstoffe
Für eine kleine Gruppe von Menschen kommt die Lipoprotein-Apherese infrage, eine Art Blutwäsche, die Lipoproteine aus dem Blut entfernt. Der Gemeinsame Bundesausschuss knüpft sie bei isolierter Lp(a)-Erhöhung an enge Bedingungen: ein Wert über 60 mg/dl beziehungsweise über 120 nmol/l, ein LDL-Cholesterin im Zielbereich und eine nachgewiesene Progression der Gefäßerkrankung. Es handelt sich um eine wiederkehrende Behandlung, meist wöchentlich.
In der Entwicklung sind Wirkstoffe, die die Bildung von Apolipoprotein(a) in der Leber unterdrücken. In frühen Studien senkten solche Antisense- und siRNA-Ansätze den Lp(a)-Spiegel um rund 80 beziehungsweise rund 72 Prozent. Ob sich daraus weniger Herzinfarkte ergeben, prüfen große Endpunktstudien mit mehreren tausend Teilnehmenden. Bis deren Ergebnisse bewertet und die Wirkstoffe gegebenenfalls zugelassen sind, bleibt die Behandlung der übrigen Risikofaktoren der Weg, der offensteht.
Ein Befund, der die ganze Familie betrifft
Lipoprotein(a) wird vererbt. Wer einen hohen Wert hat, gibt die Anlage mit einer erheblichen Wahrscheinlichkeit an Kinder weiter, und in aller Regel finden sich auch bei Geschwistern und Eltern ähnliche Werte. Deshalb empfiehlt das europäische Konsenspapier, nach einem auffälligen Befund die nahen Angehörigen zu untersuchen. Fachleute nennen das Kaskadentestung.
Der Anlass für ein solches Gespräch ist meist schlicht. Ein Herzinfarkt bei einem Onkel mit Mitte vierzig, ein früh verstorbener Großvater, eine Herzklappenoperation bei einer Tante. Diese Bruchstücke stehen in keinem Arztbrief, sie stehen nur in der Familienerinnerung. Wenn Sie sie sammeln und beim nächsten Termin mitbringen, wird aus vagen Erzählungen ein verwertbarer Hinweis. Drei Fragen genügen als Anfang:
- Gab es in der Familie ein Herz-Kreislauf-Ereignis vor dem 55. Lebensjahr bei Männern oder vor dem 60. bei Frauen?
- Ist bei jemandem eine familiäre Hypercholesterinämie festgestellt worden?
- Wurde jemand an der Aortenklappe operiert, ohne dass eine andere Ursache bekannt war?
Wird eine dieser Fragen bejaht, ist die einmalige Bestimmung von Lp(a) eine überschaubare Maßnahme mit einem Ergebnis, das ein Leben lang gilt. Für Kinder aus betroffenen Familien nennt das Konsenspapier Werte über 30 mg/dl als auffällig und rät, sie im weiteren Verlauf im Blick zu behalten.
Häufige Fragen
Lässt sich Lipoprotein(a) durch Ernährung senken?
Nein, jedenfalls nicht in einem Ausmaß, das das Risiko verändert. Der Spiegel ist genetisch festgelegt und reagiert kaum auf Ernährung, Gewichtsabnahme oder Sport. Diese Maßnahmen bleiben sinnvoll, weil sie Blutdruck, LDL-Cholesterin und Blutzucker beeinflussen.
Wie oft muss der Wert kontrolliert werden?
In der Regel gar nicht. Die europäische Fachgesellschaft hält eine einzige Bestimmung im Erwachsenenleben für ausreichend, weil der Wert lebenslang weitgehend stabil bleibt. Eine Kontrolle kann sinnvoll sein, wenn ein Befund unplausibel erscheint oder das Labor die Einheit gewechselt hat.
Was bedeutet nmol/l gegenüber mg/dl?
Die eine Angabe misst die Masse, die andere die Zahl der Partikel. Weil Apolipoprotein(a) je nach Erbanlage verschieden groß ist, lassen sich beide Werte nicht mit einem festen Faktor umrechnen. Vergleichen Sie Befunde deshalb nur innerhalb derselben Einheit.
Senken Statine den Lp(a)-Wert?
Nicht verlässlich. Statine wirken auf das LDL-Cholesterin. Sie bleiben bei erhöhtem Lp(a) dennoch ein wichtiger Baustein, weil das gesamte Gefäßrisiko sinkt, wenn das LDL-Cholesterin den Zielwert erreicht.
Übernimmt die Krankenkasse die Messung?
Das entscheidet die behandelnde Praxis anhand der medizinischen Begründung, etwa bei familiärer Belastung oder einem früh aufgetretenen Ereignis. Sprechen Sie den Wert bei einem Termin gezielt an, denn im Standardprofil ist er nicht enthalten.
Quellen
- Kronenberg F et al.: Lipoprotein(a) in atherosclerotic cardiovascular disease and aortic stenosis. A European Atherosclerosis Society consensus statement. European Heart Journal 2022; 43: 3925–3946.
- Mach F et al.: 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. European Heart Journal 2020; 41: 111–188.
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Richtlinie Methoden vertragsärztliche Versorgung, Regelungen zur Apherese bei isolierter Lipoprotein(a)-Erhöhung.
- Deutsches Ärzteblatt: Lipoprotein (a). Aus kardiologischer Sicht zu wenig beachtet?
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob eine Bestimmung von Lipoprotein(a) für Sie sinnvoll ist und welche Maßnahmen sich aus einem erhöhten Wert ergeben, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt nach Prüfung Ihres persönlichen Risikos. Bei anhaltendem Druck oder Schmerz in der Brust, Atemnot, Ohnmacht oder plötzlicher Leistungsschwäche wählen Sie umgehend die 112. Für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.
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